Sturm, H.: Kaltluftzirkulation auf der Rückseite einer Zyklone, 355
die Rückseitenkaltluft, auch dicht hinter der Front, absinkt und sich keilförmig
unter die Warmluft am Boden ausbreitet. Die Folgen des Absinkens und Aus-
breitens der Kaltluft sind:
1. Der Vorgang des Okkludierens,
2. die Frontolyse (Verwischung der Kaltluft durch adiabatische Erwärmung
infolge Absinkens),
3, die Abnahme der zyklonalen bzw. die Zunahmeder antizyklonalen Zirkulation
innerhalb der Kaltluft.
Wir stellen also nach der Vorstellung der Norwegischen Schule folgende
charakteristischen Eigenschaften für die Rückseitenkaltluft fest:
1. Absinken, auch dicht hinter der Front!
2, Passive, d. i. mit der Höhe abnehmende Strömung als Folgerung aus der
Ausbreitung der Kaltluft am Boden,
keine Beteiligung der Kaltluft an der Niederschlagsbildung wegen all-
gemeinen Absinkens.
2, Zirkulation in der Rückseitenkaltluft nach anderen Anschauungen.
W. König weist in seinem „Beitrag zur Frontentheorie“ (10) 1928 wohl zum
ersten Male darauf hin, daß das Vordringen der Kaltluft sich nicht immer in
der schematischen Keilform abspielen muß, sondern daß sehr wohl theoretisch
auch die Möglichkeit des Voranschreitens der Kaltluft in der Höhe besteht. Zu
solcher Deutung geben häufig die Zustandsdiagramme Anlaß, bei welchen mehr
oder minder dicke Schichten mit verstärktem vertikalen Temperaturgradienten
in Luftmassen mit gleichmäßigem vertikalen Temperaturgradienten eingesprengt
sind. Deutlicher lassen sich solche Kaltlufteinbrüche in der Höhe nachweisen,
wie K. Diesing (s) zeigte, durch die anormale Änderung der äquivalentpotentiellen
Temperatur mit der Höhe.
Weich große Bedeutung den Kaltluftvorstößen in der Höhe für die Wetter-
entwicklung, für Fronten- und Zyklonenentstehung zukommt, haben G. Seifert
(24), (2s) an reichhaltigem aerologischen Material in Verbindung mit der Synopsis,
und W. Rudloff (22) indirekt durch wandernde hohe Drucksteiggebiete (24 stündige
Druckänderungen) für die Entstehung der Golfstromzyklonen gezeigt.
Das Voreilen der Kaltluft in der Höhe bildet häufig auch die Ursache für die Ent-
stehung von Gewittern, wie R. Reidat (zı) aus aerologischen Beobachtungen nach-
weisen konnte und wie es E. Pernice (12) bei plötzlicher Bildung von Gewittern aus
der Beziehungslosigkeit zu den Bodenregistrierungen und Bodenbeobachtungen
zu folgern geneigt ist. In gleicher Weise finden die am Vorderrand des vorstoßenden
subtropischen Hochs auftretenden Hochgewitter (12, 24) ihre Erklärung (15).
Als gemeinsame Erscheinung für die Rückseitenkaltluft stellen wir aus den
hier angeführten Beispielen aus der Literatur nach der „anderen Anschauung“
folgendes fest:
1. Die aktive Strömung innerhalb der Kaltluft und damit das Voreilen der
Kaltluft in der Höhe,
die daraus zu folgernde Beteiligung der Kaltluft an der Niederschlagsbildung
bei den am Vorderrand der Kaltluft (Front) auftretenden Umlagerungen.
Es stehen sich demnach zwei konträre Anschauungen über die Zirkulation
innerhalb der Rückseitenkaltluft gegenüber und damit auch zwei wesensverschiedene
Vorstellungen über ihre Beteiligung an der Fronten- und Zyklonenentstehung.
Am Beispiel einer Zyklonenentstehung wird im folgenden untersucht werden,
welcher Art die Änderung der Horizontalzirkulation der Rückseitenkaltluft
dieser Zyklone ist. Aus der Änderung der Horizontalzirkulation wird dann auf
die vorhandenen Vertikalbewegungen geschlossen,
II. Methode zur Auffindung von Vertikalbewegungen.
’Anwendung des V, Bjerknesschen Zirkulationsbeschleunigungssatzes.)
1. Formelmäßiger Zusammenhang.
Zur Untersuchung von Zirkulationsänderungen wenden wir den dafür grund-
jegenden Zirkulationsbeschleunigungssatz im gedrehten Koordinatensystem der