Travnidtek, Ferd.: Das Wesen der vieljährigen Klimaänderungen in neuer Beleuchtung. 251
nicht Anerkennung gefunden. Die Ursache hierfür liegt in dem auffallenden
Widerspruche der Erscheinungen mit dem für sie bislang theoretisch Geforderten,
Jede Luftbewegung läßt sich darstellen als Funktion von Luftdruckgefälle,
Reibung und ablenkender Kraft der Erdrotation, Für veränderlich im Mittel
sehr langer Zeiträume hätte man von diesen drei Gliedern möglicherweise nur
das mittlere Luftdruckgefälle halten können. Man untersuchte dieses auf säkulare
Variation, fand aber keine vor, die auch nur im entferntesten hingereicht hätte,
die gleichzeitigen säkularen Änderungen der Windgeschwindigkeit zu erklären.
Also hielt man deren Angaben einfach für falsch, auch deswegen, weil sie nicht
von Anemographen herrührten ?).
Erst der Vergleich mit säkularen Reihen von Windbeobachtungen auch des
Hochgebirges erbrachte da volle Anerkennung.
Was man in der Meteorologie vorher für ganz unmöglich gehalten hatte
und von dessen Gegenteil man wie von einer Selbstverständlichkeit überzeugt
war, hat sich als zutreffend erwiesen. Nicht das mittlere Gefälle des Luftdruckes,
sondern die Reibung ist säkular variabel. Dabei handelt es sich naturgemäß
nicht so sehr um die Reibung der Luft am Erdboden — diese darf im großen
und ganzen wohl als konstant gelten —, sondern es ist vielmehr ihre innere,
sogenannte Scheinreibung, welche säkular so ausgiebig variiert. Diese
ist groß, wenn die vertikalen Geschwindigkeitsunterschiede relativ gering sind,
also etwa um 1880, 1910 und wahrscheinlich auch 1940 und ist klein in den
Zeiten der entgegengesetzten säkularen Extreme etwa um 1895 und 1925. Wir
haben uns offenbar vorzustellen, daß die Atmosphäre — man denke dabei an ihre
Stromlinien — in dem einen Falle „mehr rollt“ (mit stärkerer vertikaler Durch-
mischung oder Verwirbelung dieser), in dem anderen Falle aber „mehr gleitet“.
Da man auf eine solche Feststellung bzw. Schlußfolgerung keineswegs gefaßt
war und ihre Bedeutung keine geringe ist, so hat man ihr im Anfang auch
intensivsten Widerstand entgegengesetzt und hat auf die vielen möglichen
systematischen sowie unsystematischen Beobachtungsfehler bei der subjektiven
Windschätzung verwiesen. Erst die zahlreichen Beweise der säkularen Wind-
geschwindigkeitsvariation auch in anderen Ländern machten diese Einwände
sämtlich hinfällig. Die neuerkannte Regel von der säkularen Variation des
mittleren Turbulenz-Austausch- oder Scheinreibungszustandes bleibt erhalten, sie
gilt nicht nur für Europa, sondern, wie es nach den gemachten Feststellungen
auch nicht anders zu erwarten war, wahrscheinlich für die ganze Erde.
Nur in einer relativ dünnen Schicht bei etwa 1'/; km Höhe sind keine
säkularen Windschwankungen zu erwarten. Während der tiefere Teil die fall-
weise übernormale Windgeschwindigkeit durch erhöhte Luftmischung von oben
bezieht, muß die Wirkung der Reibung an der Erdoberfläche ebenso verstärkt,
gleichzeitig auf dem Wege des Massenaustausches auch nach oben verfrachtet
werden und die allgemeine Luftversetzung dort bremsend beeinflussen.
Durch entsprechende Trennung des gesamten Materials der Windbeobach-
tungen wurde auch die Abhängigkeit des säkularen Effektes von Tages- und
Jahreszeit, sowie von den einzelnen Himmelsrichtungen, aus welchen der Wind
weht, untersucht. Eine solche Abhängigkeit besteht aber nicht. Die in ihren
tieferen Ursachen noch völlig ungeklärten inneren Änderungen der Atmosphäre
bringen es also mit sich, daß man fast an der Konstanz ihrer Zusammensetzung
während säkularer Zeiträume zweifeln zu müssen glaubt, denn wie sollte ein
und dieselbe Luft unter im Mittel gleichen äußeren Bedingungen sonst so sehr
verschiedenartig fließen?
Sollte diese noch völlig unbekannterweise etwa mit irgendwelchen außer-
terrestrischen dunklen Gasmassen säkular-periodisch kommunizieren? — Oder
sollten parallelperiodische Gasauswürfe des Erdinnern stattfinden, die sich durch
allmähliche Adsorption an der Erdrinde wieder rückbilden?
An derartige abenteuerliche Erklärungsversuche wird man wohl schwerlich
glauben mögen, jedenfalls aber erkennen, daß es sich bei den Säkularphänomenen
1) Über den Vergleich längstmöglicher Reihen von subjektir geschätzten und anemographisch
bestimmten Windmitteln wird später berichtet werden.