Ann. d. Hydr. usw., LXV. Jahrg. (1937), Heft 111.
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Wattbildungen an der nordnorwegischen Küste.
Von Dr. Werner Wrage,
(Hierzu Tafel 17 mit Bildern 1 bis 11 und Tafel 18 mit Skizzen 1 bis 3.)
Zusammenfassung: In der folgenden Skizze sollen zum Vergleich mit den deutschen Wattgebieten
der Nordsee und des Gezeitenbereiches der deutschen Ströme, vor allem der Elbe, die für Wasserbau
und Landgewiunung neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung so hohes Interesse haben, Wattgebiete
in Nordnorwegen be-chrieben werden, Es werden als Beispiele vier kleinere Wattgebiete in ihrem
geographischen Erscheinungsbild und ibren wichtigsten Oberflächenformen behandelt. Drei davon
sind als unter Wasser befindliche Teile der niedrigen Küstenplattform aufzufassen, das vierte kann
man als Fjordendwatt bezeichnen. Von den ersteren werden als besondere Oberflächenformen cigen-
artige Steinwallbildungen, Geröllwatten mit Tangbewuchs sowie ferner als landschafts-
vestimmender Faktor das Vorkommen von weißleuchtenden, biogenen Kalksandwatten beschrieben.
Materialsammlung, Aufpahmen und Beobachtungen wurden gelegentlich einer im Sommer 1935 durch-
geführten Faltbootreise in das nordnorwegisch- Lofotgebiet ausgeführt, Die Kartenskizzen wurden auf
Grundlage der deutschen Seekarte, der norwegischen topographischen Karten 1: 100000 und eigener
Beobachtungen hergestellt. Meiner Frau, die mir als treue Gehilfin unter z. T. schwierigsten
Witterungsbedingungen und Geländeverhältnissen in cinsamster Landschaft zur Seite stand, gebührt
zuch an dieser Stelie Dank,
Die Kenntnis der morphologischen Erscheinungsformen des Watts hat in
neuerer Zeit an Bedeutung gewonnen. Die Richtersche Schule und das Institut
Senckenberg a. Meer (Wilhelmshaven) hat von geologischer Seite das umfang-
reiche Wissengebiet in Angriff genommen, Verschiedene geologische, morpho-
logische und landschaftskundlich-geographische Arbeiten sind in der Schriften.
reihe „Aus dem Archiv der Dentschen Seewarte“ in Hamburg erschienen
(Bd. 48 Nr. 5, W, Wrage: Das Wattenmeer zwischen Trischen und Friedrichs-
koog. Bd. 50 Nr. 2, E, Wohlenberg: Die grüne Insel in der Eidermündung usw,
Bd. 53 Nr. 6, W. Haarnagel: Eine landschaftskundliche Untersuchung des Elb-
ufers zwischen Glückstadt und Kollmar. Bd, 55 Nr. 6, E. Dittmer: Vorland
und Watten zwischen Steinloch und Dwarsloch). Auch in der vorliegenden Zeit-
schrift hat Verf. mehrfach zum Wattproblem Stellung genommen (Ann. d. Hydr.,
1931, S. 233; 1935, 5. 234; 1936, S, 168). Da alle Tatsachen, die mit Wattbildungen
im Zusammenhang stehen, wie bekannt, durch die Arbeiten für Küstenschutz und
Landgewinnung besondere Bedeutung gewinnen und ihre Kenntnis wünschenswert
erscheint, sei es mir an dieser Stelle vergönnt, von einigen interessanten Watt-
bildungen zu berichten, die ich gelegentlich eines mehrwöchigen Aufenthaltes
mit Faltboot und Zelt im nordnorwegischen Lofotgebiet beobachten konnte, Viel-
leicht kann diese kurze Skizze Vergleichsmaterial liefern oder zu weiteren ge-
naueren Beobachtungen anregen.
Die erste Watitbildung, die ich kurz schildern will, liegt am Südufer des
Öfotfjordes zwischen den Einmündungen des Skomen und des Ballangenfjordes
etwa 17° 7 O und 68° 23’ N. Skizze 1 zeigt einen Lageplan dieser Wattlandschaft.
Dieser Lageplan ist nur schematisch zu verstehen, da die Zeit bei der sehr un-
günstigen Witterung nicht zu einer genaueren Durchforschung ausreichte. Das
schraffiert angegebene Gebiet stellt die norwegische Festlandküste dar, die mit
dunklen schneegekrönten Berghäuptern bis über 1000 m hoch ansteigt. Infolge
der Nähe des auch im Winter sich hier immer noch bemerkbar machenden Golf-
stromes zeigt die norwegische Küstenzone in diesen Breiten, die schon weit nörd-
lich des Polarkreises sich befinden, einen verhältnismäßig reichen Pflanzenwuchs.
Außer Grasmatten am Felshang und Wiesen der Felsstufe tritt reicher Nadelwald
auf und von Laubbäumen durchaus nicht nur die Birke, die auf derselben
geographischen Breite in Hochlappland fast das einzige Laubholz ist. Diese
Bergzone geht in unserem Gebiet über in eine Küstenplattform, die Anbau und
Weidewirtschaft ermöglicht und Siedlungen trägt, In unserm Falle ist das die
kleine Ortschaft Virek, die aus zerstreuten Gehöften besteht. Das ganze Watt-
zebiet, von dem im folgenden die Rede sein soll, ist als der untergetauchte Teil
der Küstenplattform aufzufassen. Außerhalb der Niedrigwasserlinie (MNW) fällt
zum Fjord hin der Meeresboden rasch über 7 m-, 30 m- bis zur 100 m-Grenze
ab. Die größten Tiefen des Fjordes liegen unter 300 m. Die Küstenplattform besteht
Ann, d. Hydr. usw. 1987, Heft III.