W. Knoche: lieber die räumliche und zeitliche Verteilung des Wämegehalts der unteren Luftschicht.
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ein verschärfender Umstand hinzutritt, nämlich der, daß der winterliche Temperaturzuwachs im Inneren der
Festländer im Vergleich zu den wasserreichen, peripherischen Gebieten sehr verschwindet. Die orographische
Beschaffenheit scheint ohne Einfluß auf den Kurvenverlauf zu sein, obwohl daran auch der Mangel an einer
präziseren Ausführung der Zeichnung schuld sein kann. — Interessant ist der Vergleich der Wärmeverhält
nisse der Atlantischen und Pazifischen Küste. Auch hier besteht kein prinzipieller, wohl aber ein gradueller
Unterschied der äquivalenten Temperatur zu der Lufttemperatur. Vergleichen wir also z. B. (unter 60° N)
die Westküste von Norwegen und die von Ost-Kamtschatka, so finden wir, daß am Ostrand des Kontinents
die äquivalente Temperatur ein wenig höher ist als die Lufttemperatur. Hierfür ist nicht nur maßgebend,
daß diese, an und für sich schon sehr niedrig, der Aufnahme von Wasserdampf eine Grenze setzt, sondern
daß die kalte Küstenströmung mit ihrer niedrigen Oberflächentemperatur einer Verdunstung ungünstig ist.
Gerade umgekehrte Verhältnisse bietet die Westküste Eurasiens, eine verhältnismäßig hohe Lufttemperatur
(die schon über 8°, der Stelle des stärksten Umbiegens der Dampfdruckkurve resp. der Kurve des Temperatur-
Zuwachses liegt) und eine durch den Golfstrom bedingte höhere Oberflächen-Temperatur des Meeres. Der
Energiegehalt der Luft über der Nordsee ist etwa 2*/2 mal größer als der derselben Breite im Beringsmeer.
Der Unterschied zwischen der äquivalenten Temperatur und Lufttemperatur beträgt 10°; der 0°- Isotherme
entspricht bei normalem Verlauf die 10°- Kurve der äquivalenten Temperatur. — Mit dem Golfstrom schiebt
sich auch eine Zunge größeren Wärme- resp. Energiegehalts nach N, die Küste Norwegens (s. 0° 10°-Kurve,
Karte II a) bis zum Nordkap begleitend. Von diesem Hauptzuge zweigt sich in die Ostsee hinein eine
kleinere Ausbuchtung ab. — Vergleicht man diese Wärmezungen mit den van Bebber’sclien Zugstraßen
der (winterlichen) Barometerminima, so merkt man eine gewisse Aehnlichkeit zwischen beiden. Es folgt die
am häufigsten von Minimis besuchte Bahn Ia eben jener durch den Golfstrom vorgezeichneten nach N vor
geschobenen Wärmebnclit der Küste Norwegens entlang bis etwa zum 70. Breitengrad, um daun zu dem
ebenfalls relativ warmen W'eißen Meer oder der Finnischen Seenplatte abzubiegen (Ib, Ic). Die zweit- und
drittbäufigsten von Depressionen besuchten Zugstraßen folgen zunächst dem Hauptzuge, laufen dann aber
der nach der Ostsee abgezweigten Zunge größeren Energiegehalts entlang. Dasselbe tut die zuerst die
Atlantische Küste begleitende Depressionsbahn IV.*) Alle diese drei zuletzt erwähnten Zugstraßen zweigen
sich gleichfalls ins Seengebiet oder zum Weißen Meere hin ab. Im Inneren Rußlands, wo ja der Wärme
gehalt rasch abnimmt, zerschellen sie alle, da nur in den warmen peripherischen Küstengebieten des Atlan
tischen Ozeans der Energievorrat vorhanden zu sein scheint, der zu ihrem Bestehen notwendig ist. Wir
finden hier also die Vermutung bestätigt, daß die Minima den Zügen größter Erwärmung folgen, resp. sie
aufsuchen. — Zu betonen ist, daß wir hier nur ganz allgemeine Vergleiche anstellen konnten, da ja jeder
Druckverteilung eine ganz bestimmte Energieverteilung vorhergehen wird, die auch von der betrachteten
Durchschnittsverteilung der Wärme sehr wesentlich abweichen kann. Dies im einzelnen zu untersuchen und
zu bestätigen, mag einer späteren Arbeit Vorbehalten sein.
Der von der Temperaturverteilung häufig verschiedene Verlauf der Kurven äquivalenter Temperatur
im Sommer bietet wohl ein größeres Interesse dar. Wie die Isothermen verlaufen allerdings auch die äqui
valenten Temperaturen im Hauptzuge den Breitenkreisen entlang von E nach W, was für einen im großen
und ganzen mit der Temperatur ziemlich gleich zunehmenden Temperaturzuwachs spricht. In der Tat ist die
Dampfverteilung im Sommer infolge der ihn überall verbreitenden, jetzt vorherrschenden Seewinde (im S und
E des Kontinents Monsune, im W hauptsächlich Westwinde) eine gleichmäßigere als im Winter. Zu vergessen
ist aber hierbei nicht, daß die Heftigkeit dieser Winde, namentlich im Inneren, bedeutend nachläßt, wenn
ihnen nicht durch die zahlreichen Gebirgsketten überhaupt der Zutritt versperrt wird, während im Gegensatz
die Küsten dazu durch die täglichen Seewinde mit ihrer Feuchtigkeit günstig beeinflußt werden. Die relative
Feuchtigkeit wird also allgemein in den peripherischen Gebieten der Sättigung näher sein als in den kon
tinentalen. Der Wasserdampf wird (wie sich das sofort bei dem Abbiegen der Kurven äquivalenter Tempe
ratur nach Verlassen des Kontinents in südlicher Richtung erkennen läßt) dank der hohen Lufttemperatur
absolut hoch, jedoch nicht ein so hoher sein, als er entsprechend der Temperatur sein könnte. Eine Folge
davon ist, daß der Gradient der Lufttemperatur im Sommer ungefähr gleich ist dem Gradienten äquivalenter
Temperatur. Die Gesamtwärme nimmt daher im Gegensatz zur raschen Zunahme im Winter nicht viel
schneller ab als die freie Wärme.
*) Die Bahn Y fällt znm größten Teil nicht in das betrachtete Gebiet und ist zudem die wenig besuchteste.