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Ans dem Archiv der Deutschen Seewarte — 1905 Ko. 2 —
Kurven nach Osten nördlich des 40. Breitengrades. Vielleicht ist das Ansteigen hier noch ausgeprägter als
bei den Isothermen (s. die 30°-Kurve). Der Dampfgehalt nämlich über der warmen Meeresfläche ist ein
hoher infolge einer stärkeren Verdunstung, wie dies deutlich wird, wenn man die Isothermen der Oberflächen-
Temperatur des Meeres in nördlicher Dichtung verfolgt. Bekanntlich wächst die Verdunstung mit der
Temperatur der verdampfenden Schicht; sie wird umgekehrt daher über kühlen Meeresströmungen kleiner
sein; daher folgt, daß die Herabzerrung der Kurven äquivalenter Temperatur zur nordafrikanischen Küste
(s. die 40°-Kurve) noch energischer ist, als für die Isothermen der Lufttemperatur. Man vergleiche auch
Mer die Oberflächenisothermen*) der rückläufigen nordamerikanischen Strömung. — Einigermaßen auffallend
sind die Depressionen der 50°-, 55°- und 6ö°-Kurven ungefähr in der Mitte des Beckens; wir werden hier
vielleicht eine Erklärung finden in der mangelhaften Verdunstung gegenüber der Umgebung. Im Winter ist
gerade dieser Teil des Nordatlantiks der Aufenthalt des Azorenmaximums, also eines Gebietes mit spärlichen
Winden von geringer Stärke. Da aber nach Dalton, wenn wir die Dampfmenge mit v bezeichnen, das
Maximum der Spannkraft bei der Temperatur des verdampften Wassers mit E, mit e die vorhandene Dampf
spannung, den Baromeserstand mit b, die Verdampfungsgeschwindigkeit
d v
d z
Ä
b
(E-e)
— wobei A eine Konstante ist, — so folgt daraus, daß die Verdampfüngsgesehwindigkeit dem Luftdruck
umgekehrt proportional ist. Hierzu kommt noch der Einfluß der Luftbewegung, mit der die Verdampfung
wächst und zwar nach Trabert mit der Wurzel aus der Windgeschwindigkeit.**) — Kurzum, die An
reicherung mit Wasserdampf wird in einem Gebiet hohen Luftdrucks und besonders auch geringer Wind
geschwindigkeit unter sonst gleichen Verhältnissen der Temperarur eine geringere sein, der Temperaturzuwachs
aus der latenten Wärme also gleichfalls ein geringerer, und die äquivalente Temperatur wird hier eine Er
niedrigung erleiden. Antizyklonen werden unter gleichen Verhältnissen der Temperatur einen geringeren
Energiegehalt •— wenigstens an der Erdoberfläche -- haben als Zyklonen, wo umgekehrt die Windbewegung
stark und der Luftdruck ein niedriger ist. — Zu bemerken ist außerdem, daß im Winter überhaupt all
gemein — auch abgesehen von den rückläufigen kalten Strömungen — eine Tendenz der Kurven äquivalenter
Temperatur vorhanden zu sein scheint, zum Lande abzuweicheu, das dank seiner stärkeren Ausstrahlung
mehr abgekühlt wird, dessen Lufthülle daher auch nicht so reichlich Wasserdampf enthalten kann, wie im
Vergleiche dazu des die Wärme aufspeichernden Meeres.
Interessanter als der Verlauf der Winterkurven äquivalenter Temperatur ist aber unstreitig der der
Sommerkurven (siehe Anlage Ib und Karte 1b), die neben einer west-östlichen Richtung, zum Teil auch ab
weichend vom Verlauf der Lufttemperaturen, eine ausgesprochen nord-südliche Direktion aufweisen. Die
Kurven äquivalenter Temperatur iu den nördlichen Teilen laufen verhältnismäßig parallel von W nach E,
die große, durch den Golfstrom bewirkte Auftreibung nach N, wie sie im Winter zu bemerken war, fehlt;
dagegen ist wohl ausgeprägt eine durch die kalte, Eisberge gegen 45° N hin mit sich führende Labrador-
Strömung bewirkte Ausbuchtung nach S bei Neufundland, die auch schon in den Isothermen der Meeres
oberfläche deutlich hervortritt. Aehnlich wie im Winter bewirkt auch im Sommer die kalte, nach S fließende
nordafrikanisehe Strömung ein Sinken der Isothermen, während in derselben Breite (s. die 50°- und 60°-
Kurve) an der Westseite des Nordatlantischen Ozeans ein Emporziehen zu dem stärker erwärmten Land
stattfindet. Eine außerordentlich starke Erwärmung zeigt das Karaibische Meer und die ihm vorgelagerten
Meeresteile, begrenzt durch die 70°-Kurve. Diese läuft nördlich von Florida, an der Küste einsetzend, zu
nächst bis gegen den 45? westl. Lg., um dann, rechtwinklig umbiegend, in nord-südlicher Richtung bis 10°N,
und dann, zu einem weiten Bogen nach E ausholend, sich südlich vom Aequator wieder der südamerikanischen
Küste anzuschließen. Innerhalb dieses Gebietes befinden sich noch Inseln stärkerer Erwärmung, deren
feste Grenzen aber bei fast fehlendem Material nicht bestimmt werden konnten. Für den Mexikanischen
Golf waren überhaupt keine Beobachtungen vorhanden; er würde wahrscheinlich gleichfalls eine derartige
Wärmeinsel aufweisen. Die Ursachen dieser abnormen äquivalenten Temperaturen sind auch hier wieder
in den sehr beträchtlichen Temperaturen des Oberflächenwassers***) zu suchen, nach denen gerade dieser
Teil des Atlantiks, die Ursprungsstätte des Golfstroms im gewissen Sinne, eine sehr starke Erwärmung
*) Siehe die 20°- Isotherme der Oberfläche des Meeres. Atlas der Deutschen Seewarte für den Atlantischen Ozean.
Hann, Lehrbuch der Meteorologie. ***) Atlas der Deutschen Seewarte für den Atlantischen Ozean.