Dr. H. Rausehelbach: Harmonische Analyse der Gezeiten des Meeres. T. Teil.
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I. Abschnitt.
1. Einleitung.
Die älteren Verfahren zur Ableitung der harmonischen Konstanten, die seit Mitte der sechziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts von Sir W. Thomson und E. Roberts 1 ) und in den achtziger
Jahren von G. H. Darwin 2 ) und C. Borgen 3 ) entwickelt worden sind, verlangen, daß die für jede
Stunde mittlerer Sonnenzeit geltenden Wasserstandsablesungen des der Berechnung unterliegenden
Beobachtungszeitraums, meist eines Jahres, für jede einzelne zu ermittelnde Tide in besonderer
Weise neu anzuordnen und demgemäß für jede abzuleitende Tide neu auszuschreiben sind.
Zur Vermeidung dieser zeitraubenden, kostspieligen und ermüdenden wiederholten Abschreibe
arbeit, die bis heute wohl nur noch in Indien und neuerdings wieder von Sterneck 4 ) ausgeführt
wird, sind dann in der ersten Hälfte der neunziger Jahre mehrere Hilfsmittel vorgeschlagen worden,
von Borgen 5 ) das Verfahren mittels Leitlinienblätter, von Darwin 6 ) das Ordnen der Wasserstands-
ängaben mittels Stäbchen (tidal-abacus) und von L. P. Shidy 7 ), einem Mitgliede der Gezeiten
abteilung der U. S. Coast and Geodetic Survey, das Aussuchen der jeweils zusammenzuziehenden
Werte mittels durchlochter Pappen (stencils).
B-örgen hat, von einem neuen Grundgedanken ausgehend, in den Annalen der Hydrographie usw.
1894 eine Abhandlung „Über eine neue Methode, die harmonischen Konstanten der Gezeiten ab
zuleiten“ veröffentlicht; als deren Ergänzung ist die im Jahrgang 1920 der Annalen der Hydro
graphie usw. erschienene Arbeit Hessens „Über die Börgensche Methode der harmonischen Analyse
der Meeresgezeiten, deren Vereinfachung und Erweiterung“ gedacht.
a. Das Börgensche Verfahren der harmonischen Analyse.
Der Grundgedanke des Börgensehen Verfahrens, auf den später im zweiten Abschnitt dieser
Arbeit noch ausführlicher im Zusammenhang eingegangen wird, läßt sich am besten an einem Bei
spiel, das eine Folge von errechneten Zahlenwerten enthält, erläutern.
Es soll angenommen werden, es gebe eine Tide mit der Winkelgeschwindigkeit von ¿=12.85°
in der Stunde und der Amplitude R — 100 mm; die Phase — f sei für den ersten Wert, also für 0 A
am ersten Tage gleich 0°. Die durch diese Tide hervorgerufenen Abweichungen ht des Wasser
standes von seinem Mittelwert seien für jede Stunde t berechnet nach der Formel:
(1) h t = R- cos (it — 0 = 100 -cos 12.85° t.
Um den Umfang der folgenden Tabelle 1 zu beschränken, sollen die Werte nur von zwei zu zwei
Stunden und für die Tage v=\ bis v = 8 angegeben werden. Je eine Zeile enthält also die Werte
für jede zweite Stunde eines mittleren Sonnentages.
’-) Report of .Committee for the Purpose of Promoting the Extension, Improvement, and Harmonie Analysis of Tidal
Observations 1 . British Association Report 1868, 1870, 1871, 1872 and 1876.
а ) G. H. Darwin, ,Report of a Committee for the Harmonie Analysis of Tidal Observations'. British Association
Report 1883, pp. 51—117.
3 J C. Bürgen, Die harmonische Analyse der Gezeitenbeobachtungen. Arm. d. Hydr. usw. 1884.
*) R. Sterneck, Zur Praxis der harmonischen Analyse der Gezeitenbeobachtungen. Ami. d. Hydr. usw. 1923, S. 39.
5 ) C. Borgen, Über eine neue Methode, die harmonischen Konstanten der Gezeiten abzuleiten. Ann. d. Hydr. usw.
1894, S. 219.
б ) G. H. Darwin, On an Apparatus for Facilitating the Reduction of Tidal Observations. Proceedings of the Royal
Society of London. Vol. 52, 1892, pp. 345 389.
7 ) Report of the Tidal Division of the U. S. Coast and Geodetic Survey Office for the Fiscal Year ending June 30, 1893.
Report for 1893, Part I., p. 108,
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