Dr. H. Seilkopf ii. l')r. 0. St üve: Ilöheuwimiiucssuiigcn auf «lern Noriiati. Ozean u. im (!olf v. Mexiko. 1923.
I. Einleitung.
Die dritte der von der Deutschen Seewarte in Gemeinschaft mit dem Preußischen Aeronautischen
Observatorium Lindenberg, der Hamburg-Amerika-Linie und mehreren Luftfahrtfirmen unternommenen
Fahrten zur Erforschung der Windverhältnisse über dem Nordatlantischen Ozean und den Westindischen
Gewässern 1 ) 2 ) führte, wie die beiden vorhergehenden, nach Cuba und Mexico; Teilnehmer waren die
beiden Bearbeiter. Plätze und Verpflegung hatte die Hamburg-Amerika-Linie wieder auf dem Fracht
dampfer „Wester wald“ in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt ; durch lebhafte Anteilnahme und
liebenswürdiges Entgegenkommen ihres Kapitäns F. Kruse und seiner Offiziere wurde der Expedition
an Bord jede Förderung zuteil.
Die von der Seewarte zusammengestellte Ausrüstung unterschied sich im wesentlichen nicht von
der der ersten Fahrt; Ausrüstung und Arbeitsmethoden sind bereits von A. Wegener und Kuhlbrodt 3 )
bei der Bearbeitung ihrer Fahrt eingehend geschildert worden. Der von A. Wegener und Kuhlbrodt
für Bordzwecke konstruierte Spiegeltheodolit hat sich auch auf dieser Fahrt sehr gut bewährt. Beob
achtet wurde auf See stets mit dem Theodoliten lOfacher Vergrößerung; das Instrument mit 20facber
Vergrößerung hatte ein für die starken Schwankungen des Schiffes zu kleines Gesichtsfeld, wurde aber
für die Hafenaufstiege verwandt.
Für die Aufstiege standen Gummiballone von 110 und 220 g Gewicht zur Verfügung, die mit
einem freien Auftrieb von etwa 450 g bezw. 600 g auf stiegen und somit eine Steiggeschwindigkeit von 300
m/min und 400 m/min hatten. Außerdem wurde eine Anzahl Papierballone verwandt, die grundsätzlich
mit dem Steigwert k = 0.6 aufgelassen wurden. Sie wurden benutzt, wenn niedere Wolkendecken größere
Höhen nicht erreichen ließen, was nicht, nur während der Ozeanüberquerungen, sondern auch im Passat-
gebiet wiederholt vorkam. Ihre Aufbewahrung in den Tropen bereitete Schwierigkeiten, da sie teil
weise stark austrockneten und brüchig wurden; das Einschlagen in ein feuchtes Tuch, wie es A. Wege
ner und Kuhlbrodt anwandten, um den Ballon wieder geschmeidig zu machen, genügte oft nicht mehr,
es hat sich dann ein leichtes Einsprengen des Ballons mit Wasser als zweckmäßig erwiesen.
Die mittleren Höhen, bis zu denen die Pilotballone verfolgt werden konnten, sind bei Berücksich
tigung von höchstens zwei Aufstiegen je Seetag, einem Aufstieg je Hafentag: Nordatlantik (nördlich von
28 N-Br.) Ausreise: 2115 m, Heimreise: 2295 m; Passatgebiet, Seeaufstiege: 4802 m; Passatgebiet,
Hafenaufstiege: 6920 in. Die mittlere Höhe der Seeaufstiege ergibt sich zu 3874 m, die aller Hafenauf
stiege im Passatgebiet 7426 m. Der höchste Seeaufstieg erreichte 16.4, der höchste Hafenaufstieg 17.4
Kilometer.
Die „Westerwald“ verließ am 11. Februar 1923 abends Hamburg. Den Reiseweg zeigt die Abbildung
Nr. 3 auf Tafel 3. In der Nacht zum 13. geriet sie an der holländischen Küste in ein Gebiet dichten
Nebels, das zwang, bis zum Morgen beim Maas-Feuerschiff vor Anker zu liegen. Am 14. und 15. wurde
in Antwerpen die Ladung ergänzt. Beim Auslaufen aus Antwerpen mußte am 15. nachmittags auf der
Schelde abermals infolge von starkem Nebel geankert werden. Auf der Durchfahrt durch den Kanal
am 16. wurde morgens ein Gebiet leichten Rieselregens passiert, daß von 9 a. m. ab im E zurückblieb.
Nach raschem Aufklaren zeigten sich gegen Mittag nach der englischen Küste zu die ersten Cumulus-
Wolken, die in langen von NW nach SE sich erstreckenden Reihen angeordnet waren« Über England
nahm die Bewölkung rasch zu, während gleichzeitig von SW her eine neue Wolkenbank aufzog: Ci-St,
1 ) A. VV e ge n e r n. K h li 11> i‘o <11, Pilotballonaufstiege auf einer Fahrt nach Mexiko, März bis Juni 1922. Aus
dem Archiv der Deutschen Seewarte, XXXX. Jahrgang, 1922, Nr. 4.
s) A. M e y, Pilotballonanf stiege auf einer Fahrt nach Mexiko, September bis Dezember 1922. Alis dem Archiv
der Deutschen Seewarte. XU. Jahrgang, 1923, Nr. 4.
3 ) A. \V e g e n e r ii. K n Ii 1 b r o d t, S. 9 ff.