306
proben bestimmt werden soll und das Leben von Hunderten von Menschen
von einer darauf gegründeten Aenderung der Kursrichtung abhängt, so wird
nicht bezweifelt werden können, dass diese Angelegenheit die grösste Beachtung
verdient.
Es ist eine alte Annahme in der Geologie, dass Meeresbedeckung und
Neubildung in einer Periode als gleichbedeutend anzusehen seien, wonach also
in dieser Periode auf dem vom Meere bedeckten Boden überall nur Ablagerungen
angehäuft sein sollen. Die genannte Annahme ist aber nicht richtig, oder nur
zum Theil richtig, indem auf dem Meeresgrund cbenso gut Bezirke der Zerstörung,
solche, wo alte geologische Formationen direct vom Wasser bedeckt werden,
angenommen werden müssen, neben jenen anderen, auf welchen neue Materialien
abgelagert werden. Die Zerstörung alter Formationen auf dem Meeresgrund und
an den Küsten giebt grossentheils das Material her, welches umgelagert und zu
Neubildungen an anderen Stellen verwendet wird, Die Veränderlichkeit des
Meeresgrundes kann demnach sowohl dadurch begründet sein, dass wechselnd
Ablagerungen von verschiedener Zusammensetzung nach einander orfolgen, wie
dadurch, dass die Zerstörung alter geologischer Formationen von in dünnen
Schichten abweichendem Bestand verschiedenartige Ablagerungen aus früheren
Epochen nach und nach an die Oberfläche des Meeresgrundes bringt. Namentlich
bei gewissen Schichten älterer Ablagerungen‘ treten hier eigenthümliche
Combinationen auf. Nicht selten ist auch das Verhältniss so, dass nur die feineren
Theile älterer Sedimentbildungen vom Meere fortgeschwemmt werden und
an Ort und Stelle nur die groben Steine und Gerölle derselben (z. B. Geschiebe
und Gerölle des diluvialen Geschiebemergels in der Ostsee und Nordsee) liegen
bleiben. Wenn diese letzteren gross genug sind, um den dynamischen Einwirkungen
des Wassers hinreichenden Widerstand entgegensetzen zu können, 80
geht aus dieser Zerstörung und Verschwemnmung ein gleichbleibender Meeresgrund
hervor, und es scheint, dass einzelne Untiefen der Nordsee mit Kies und
Steinen in dieser Weise erklärt werden müssen.
Aus dem Angegebenen ergiebt sich, dass sowohl der gleichbleibende wie
der veränderliche Mecresgrund schr verschiedene Ursachen haben können, und
dass auch dann, wenn an gewissen Punkten die gegenwärtigen dynamischen Einflüsse
wechseln, doch eine Veränderlichkeit im Bestande des Meeresgrundes nicht
ausgeschlossen ist. Entgegengesetzt ist es allerdings, wenn die dynamisch-physikalischen
Einflüsse gegenwärtiger Neubildungen als gleichbleibend oder geringen
Schwankungen unterworfen zu betrachten sind und der Meeresboden wird
dann fortlaufend nur gleichartige Bildungen und denselben Bestand aufweisen
können. Ist es gestattet, diese nach mechanischen und biologischen Factoren
constanten Ablagerungsbezirke des Mecres als Isodynamische Bezirke zu bezeichnen
und ist man im Stande, die dafür im cinzelnen Falle charakteristischen
Verhältnisse naturgesetzlich genau zu bestimmen, so erhält man in ihnen bestimmte
Abtheilungen des Mecresbodens, welche in der Gleichartigkeit des Bestandes
eine einigermassen sichere Grundlage für die bezügliche Kartographie abgeben.
In seiner Allgemeinheit in’s Auge gefasst, würde der Meeresboden hiernach
in folgende Abtheilungen einzutheilen sein:
1) Der Meeresgrund besteht aus alten geologischen Formationen, welche
in der Zerstörung begriffen sind, oder deren Residua an Ort und Stelle liegen
geblieben sind und der weiteren Zerstörung Widerstand zu leisten vermögen.
Im letzteren Falle und wenn die Formation dieselben Ablagerungen in grösserer
Mächtigkeit enthält, so bleibt auch der Meeresboden gleichartig. Besteht die
Formation aus wechselnd schr verschiedenen Schichten, so ändert sich entsprechend
durch die Verschwemmung dieser ‚Schichten auch der Meeresgrund, Beruht
die Veränderung der auf dem Meeresgrunde eventuell auftretenden Gesteine
wesentlich auf chemischer Zersetzung, so ist das Product derselben je nach der
Natur des Gesteins zu beurtheilen.
2) Der Meeresgrund ist in der Neubildung begriffen und besteht aus
gegenwärtigen Ablagerungen. Dieselben sind:
a. in ihrer Zusammensetzung fortlaufend wesentlich gleich, oder
b. zeigen im Laufe der Zeit eine gewisse Verschiedenheit des Bestandes.
Der Grad derselben ist entscheidend, wie weit darauf bei der Kartographie
des Meeresgrundes Rücksicht genommen werden muss,