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Ableitung wahrer Tagesmittel.
Manuskript aus dem Jahre 1878 niedergelegt, welches nicht zum Druck gelangt
ist, weil die Sache nicht so weit, wie wünschenswerth, verfolgt werden konnte.
Die Veröffentlichung einiger Auszüge dürfte indessen auch jetzt von Interesse
sein, weshalb wir sie folgen lassen; der Vergleich dieser Ergebnisse mit jenen
der bald zwölfjährigen Aufzeichnungen des Thermographen der Seewarte zu
Hamburg bleibt für eine andere Gelegenheit vorbehalten.)
„Für die gröfstentheils hart am Meere liegenden Beobachtungsstationen
der Deutschen Seewarte giebt es nur sehr wenige passende und sichere Normal-
stationen, nach denen man den {iäglichen Gang der Temperatur ableiten und
die Mittel der an wenigen Terminen des Tages angestellten Temperaturbeob-
achtungen auf wahre reduciren könnte. Am nächsten gelegen sind die Stationen:
Schwerin, Beobachtungen alle 2 Stunden während 10 Jahren, 1854
bis 1863;?)
Stettin, Beobachtungen stündlich von 4a bis 11p, 3 Jahre, 1842 bis 1844.
„Beide Reihen werden von Herrn Wild (Temperaturverh. d. Russ. Reichs,
S. 70 und 99) für gut erklärt, wenn einige Druckfehler berichtigt und nur die
beobachteten Werthe genommen werden, nicht jene der Bessel’schen Formel;
für Schwerin werden jedoch die Werthe der Monate Mai bis September als
etwas gestört betrachtet. Beide Orte sind in der Nähe grofser Wasserflächen
gelegen, dennoch wegen ihrer vom Meere etwas entfernten Lage nicht ganz
ma[sgebend für die rein maritimen Stationen der Seewarte, wohl aber für
Hamburg.®)
„Ganz entsprechen in Bezug auf diese Lage würden von Orten, über deren
tägliche Temperaturperiode bereits Berechnungen vorliegen, aus gleicher Breite
nur Helder und etwa noch Dublin. Aus den Beobachtungen von Helder aus
den Jahren 1871 bis 1874 ist von Prof. Buys-Ballot der tägliche Gang der
Temperatur im Jaarboek 1871, II, S. 213, abgeleitet. Allein da diese Beob-
achtungen in den Sommermonaten eine Verspätung des täglichen Maximums
auf 5% p. m. zeigen, so ist die tägliche Periode offenbar eine gestörte, und sind
die Werthe leider unbrauchbar. Die Zahlen von Dublin (4 Jahre) erklärt
Wild S. 72 und 164 für die Sommermonate als unbrauchbar, für die Winter-
monate auch als mit einigen Unregelmäfsigkeiten behafıet. Man mufs demnach
etwas südlicher und nördlicher gehen, um ganz maritime Vergleichsorte zu er-
halten. Die fünfjährigen stündlichen Beobachtungen zu Plymouth sind (Wild,
S. 76) in einem nach NE offenen Jalousiegehäuse 300 Yards vom Meere angestellt
(1833 bis 1837) und werden von Wild, bis auf Druckfehler, für gut erklärt,
Die 26jährige Reihe zu Kopenhagen (1837 bis 1862) ist im Kriegshafen, von
Wasser umgeben, angestellt, und soll für den Winter gute, für April bis Sep-
tember aber, vermuthlich durch Strahlung gestörte Werthe (vgl. auch S. 163)
geben. Die langjährigen Beobachtungen von Utrecht kommen wegen der süd-
licheren und kontinentaleren Lage des Orts und einiger Fehlerquellen im Sommer
1) Zur vorläufigen Orientirung theilen wir bei den Tabellen IX bis XI die Zahlen mit,
welche sich aus diesen Aufzeichnungen im Durchschnitt der Jahre 1878—84 nach der Berechnung
von Herrn Dr. G. Schneider in Bremen ergeben, welche uns während des Satzes des vorliegenden
Aufsatzes zugeht (Abhandl. d. naturwiss. Vereins in Bremen, Mai 1888, S. 324).
2) Seit Obiges niedergeschrieben wurde, ist eine Reihe fernerer Jahrgänge dieser Beobachtungen
veröffentlicht. Die siebenjährigen Mittel 1880—86 findet man in der eben erwähnten Arbeit von
Dr. Schneider, S. 325.
3) Ueber die Stettiner Beobachtungsreihe vermögen wir keine näheren Angaben beizubringen.
Ueber jene von Schwerin ist nach gefälliger Mittheilung des Herrn Ministerialraths Dr. Dippe zu
bemerken, dafs die Pulverwache, an welcher sie angestellt wurde, sehr frei auf einem zwischen dem
Grofsen Schweriner und dem Faulen See sich hinziehenden Landrücken liegt, welcher an dieser
Stelle eine Breite von ca 300m hat; in der Umgebung befinden sich Zierpflanzen von nicht sehr
bedeutender Höhe; Gebäude befinden sich nur (drei kleine) in der Richtung nach SO in der Nähe,
jedoch nicht näher als 40m. Es wurde abwechselnd an zwei Thermometern abgelesen, die parterre
in Manneshöhe vor den Fenstern der Wachstube (gegen SO) und des Ganges (gegen NW) angebracht
sind; an dem letzten nur zu den Stunden, wenn das Fenster der Wachstube der Sonne zugekehrt
ist, nämlich von Sonnenaufgang an in der Zeit vom 22. März bis 30. September bis 12b a. m., in
der übrigen Zeit bis 2 p. m. Im Sommer erfolgt also die 2b-Beobachtung an einer Seite des Gebäudes,
welche alsdann zwar nicht mehr von der Sonne beschienen wird, aber der Einwirkung der Sonne
während des Vormittags ausgesetzt ist; der Erdboden in der Nähe der Thermometer ist es auch
noch später; dieser Umstand ist es jedenfalls, welcher die „eigenthümlich zugespitzte“ Form der
Temperaturcurve Schwerins im Sommer veranlafst, welche Herr Wild a, a. O. hervorhebt.