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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 3 (1875)

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Ueber einige Aufgaben der wissenschaftlichen Meereskunde. 
Von Professor Dr. Orth in Berlin. 
Während das feste Land und seine gasförmige Decke bereits seit einer 
Reihe von Jahren wissenschaftlich durchforscht und eine grosse Reihe von 
Thatsachen darüber ermittelt ist, wodurch viele interessante Probleme klar 
gestellt und für das praktische Leben die bedeutsamsten Anhaltspunkte und 
zahlreiche neue Bahnen gewonnen worden, so muss die Wissenschaft desjenigen 
Mediums, welches den bei Weitem grössten Theil der sichtbaren Erdoberfläche 
einnimmt und nicht allein den Verkehr zwischen den grossen Inseln, welche man 
gewöhnlich als „Festland“, „Welttheil“ oder mit ähnlichen Namen zu bezeichnen 
pflegt, vermittelt und zum Reichthum und zur Machtentfaltung der Staaten in 
erster Linie beiträgt, sondern welches unter dem KEinflusse des erwärmenden 
Tagesgestirns als eines Centralheizapparats durch die gasförmig aus dem Meere 
gehobenen und von den temperaturausgleichenden Winden über die Erde ver- 
breiteten befruchtenden Niederschläge das organische Leben des Landes, die 
Entwickelung und Ausbreitung des Menschengeschlechts überhaupt erst möglich 
macht, — diese Wissenschaft muss als eine verhältnissmässig junge und wegen 
zu langer Vernachlässigung als vor den übrigen Wissenschaften weit zurückge- 
blieben bezeichnet werden, Sowohl die wissenschaftliche Bedeutung der Meeres- 
kunde für die Erklärung vieler tellurischer und geologischer Fragen, sowie 
namentlich auch das grosse Interesse, welches das Leben und die Schifffahrt 
daran knüpft, verbieten eine derartige Vernachlässigung, und ist es eine hoch- 
wichtige Thatsache, dass es zunächst praktische Interessen waren, welche vor 
nicht langer Zeit auf die grossen hier vorhandenen Lücken aufmerksam gemacht 
haben. Es sind die transatlantischen Kabellegungen gewesen, welche vor kaum 
zwanzig Jahren die wissenschaftliche Meereskunde mächtig angeregt haben und 
die zwingende Veranlassung geworden sind, dass man sich eingehend auch mit 
den Verhältnissen des Oceans und des tiefen Meeresgrundes beschäftigen musste. 
Aehnlich sind e&s gegenwärtig auch die Interessen der Marine und der 
Schifffahrt, welche auf die Nothwendigkeit einer möglichst eingehenden Unter- 
suchung des flüssigen Elements mit seinen‘ physikalischen Verhältnissen und 
Grundlagen entschieden hinweisen. Es ist gerade das praktische Interesse, 
welches hier verlangt, dass die Wissenschaft in ihrer vollen Tiefe, umfassend und 
eingehend in Anspruch genommen werde, Nur durch gründliche Kenntniss 
kann, soweit es möglich ist, die praktische Verwerthung wissenschaftlicher Er- 
gebnisse garantirt werden, ganz abgesehen davon, dass dadurch allein ein Ge- 
winn für die Wissenschaft zu erzielen ist. Durch eine oberflächliche Behand- 
lungsweise wird aber weder für die Praxis noch für die Wissenschaft etwas 
gewonnen, Das Motto, was kürzlich auf anderem Gebiete v. Bezold von Leonardo 
da Vinci anführt: „Studia prima la scienza, e poi seguita la pratica nata 
da essa scienza‘“, kann in hohem Grade auch für die Wissenschaft des prak- 
tischen Seewesens in Anwendung gebracht werden. 
Ein bedeutsames Vorbild geben nach manchen Richtungen hin die Berichte 
der wissenschaftlichen Commission zur Untersuchung der deutschen Meere, deren 
Veröffentlichung der Commission wie der vorgesetzten Behörde zur hohen Ehre 
gereicht. Am meisten ist die neue Wissenschaft durch das energische Vorgehen 
der amerikanischen und der englischn und neuerdings auch der deutschen Ma- 
rine in kurzer Zeit gefördert worden. Bei einer solchen gründlichen wissen-
	        
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