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eine Anhäufung von interessant geformten, hohen Bergspitzen beginnt, welche
auf zwei, nur durch schmale niedrige Landzungen mit der Insel verbundenen
Halbinseln aufgethürmt, den Sund nach Süden abschliessen.
Diese Umgebung des Royal Sound gehört jedenfalls zu den schönsten
Partien der Insel und bietet in den Bergformen mehr Abwechselung, als
irgend ein anderer Theil der Küste. Leider gestatteten die Umstände nicht
sine genauere Untersuchung der südlichen Bergzüge, in deren Form weit weni-
yer der gewöhnliche basaltische terrassen - plateauförmige Charakter zum Vor-
schein kommt, und die daher in geologischer Beziehung ein grösseres Interesse
beanspruchen. _
Da hier zwei andere grosse Nationen ihre Beobachtungsstationen er-
richtet und ihre Kriegsschiffe stationirt hatten, so werden von dieser Seite
Untersuchungen angestellt sein, die vermuthlich auch auf die benachbarte
Sprightly Bucht, in der warme Quellen vorkommen sollen, ausgedehnt sein
werden.
Die südwestliche und westliche Küste sind in Folge der beständig auf
sie zustehenden Stürme schwer zugänglich, wenn schon das von Robbenschlägern,
welche mit ihren kleinen Schonern in verschiedenen der dort vorhandenen
Buchten vor dem Wetter Schutz finden, behauptete Vorkommen eines thätigen
Vulkans und mineralischer Quellen die nähere Untersuchung erwünscht macht.
Die Vegetation der Inselgruppe besteht, abgesehen von den Wasser-
pflanzen, vorzugsweise aus Moosen, Gräsern und sehr kleinen Farn, von denen
die meisten antarktischen Regionen, einzelne aber auch nur diesen Inseln eigen-
thümlich sind. Wenn die Flora in Bezug auf Mannigfaltigkeit der Arten auch
von einer, namentlich für die verhältnissmässig niedrige Breite, seltenen Ar-
muth ist, so besitzt sie doch räumlich eine grosse Ausdehnung. Abgeschen
von den höchsten Bergen und den senkrechten Felswänden, sowie von den
grossen Steintrümmern, findet man nur wenige ganz vegetationslose Stellen und
noch seltener längere Strecken ohne Pflanzenwuchs.
Das kleinere Gestein. wird von dem am häufigsten und der Insel in dieser
Species eigenthümlichen, polsterartigen Decken bildenden Moose (Azorella)
überzogen und scheint unter diesen, die Feuchtigkeit in hohem Grade einsau-
genden und dieselbe bewahrenden Pflanzen weit schneller zu verwittern als in der
freien Luft. So wirkt diese Pflanze vorzugsweise Humus bildend, den man
deshalb in ziemlich grosser Ausdehnung und Mächtigkeit in allen Bodensen-
kungen findet. Mit diesem Moose trägt eine andere dunkelgrüne, zierliche
antarktische Pflanze mit röthlicher, kugelförmiger Blüthe (Acaena), hauptsäch-
lich an Abhängen in grossen Massen fusshoch wuchernd, dazu bei, den felsigen
Landschaften Abwechselung und Leben zu verleihen.
Abgesehen von einigen, gutes Viehfutter bildenden Gräsern kommt nur
eine, und zwar ausschliesslich der Kerguelen - Insel eigenthümliche Nutzpflanze
vor: der schon durch Cook bekannt gewordene Kerguelenkohl, welcher
fm sehr werthvolles, aromatisches und antiskorbutisch wirkendes Gemüse
i1efart.
Die Flora der Kerguelen ist durch das schöne Werk von Dr. Hooker
(des damaligen Assistenz-Arztes des „Erebus‘“ unter Capitän Ross) Flora ant-
actica bekannt geworden. Auch hat Stabsarzt Dr. Naumann einige neue
Pflanzen auf den Kerguelen entdeckt; über diese, sowie über die zoologischen
Untersuchungen und Forschungen, welche Herr Dr. Studer und Herr Dr.Hüsker
auf und bei den Kerguelen ausgeführt haben, wird ein späterer ausführlicher
Bericht über die Expedition S. M. S. „Gazelle“ das Nähere mittheilen. Von
besonderem Interesse sind die Notizen, die über den Robbenfang bei den
Kerguelen und Crozet-Inseln gesammelt worden sind.
Von den an Land bei dem Observationshause vom 15. November 1874
bis zum 29. Januar 1875 angestellten meteorologischen Beobachtungen, sowie
von den an Bord S. M. S. „Gazelle“ südlich vom 45. Parallel gemachten Beob-
achtungen sind die Hauptresultate in dem dritten und vierten Artikel dieses
IV. Abschnittes des Berichtes über die Expedition S. M. S. „Gazelle“
wiedergegeben worden (s. Seite 115 und 120).