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zu schliessen und etwa annehmen, dass das auf den Basaltdecken angesammelte
Regenwasser von den stürmischen Winden ununterbrochen in einer Richtung
fortgepeitscht, sich zunächst kleine Rinnen in das harte Gestein gefressen hat,
die sich allmälig zu den langen und tiefen Buchten erweitert haben.
Wahrscheinlich haben auch Gletscher zur Bildung und namentlich zur
Verbreiterung einzelner Buchten der Kerguelen-Inseln, vorzug weise an den süd-
lichen und westlichen Küsten, beigetragen, wo die Richtung derselben in der
Regel mit der vorherrschenden Windrichtung nicht übereinstimmt. Bei der
grossen Menge Steingeröll, welche die Gletscher mit in das Wasser führen,
wirken diese aber jedenfalls eher verflachend als vertiefend, wie noch gegen-
wärtig vorhandene Gletscher erweisen; eine Gletscherwirkung ist daher für die
vielen Buchten mit grossen Wassertiefen an der östlichen Küste unwahrschein-
lich. In Bestätigung dessen sind noch einige der südlichen und westlichen
Buchten so voller Gestein resp. so verflacht angetroffen, dass sie keine oder
nur mangelhafte Häfen abgeben.
Wenn nun auch die Mehrzahl der terrassenförmigen Hochplateaus sich in
der Richtung West—Ost hinziehen und einige Bergzüge von anderer Formation
z. B. die in der Umgebung der Accessible-Bucht eine davon nicht sehr erheblich
abweichende Richtung einschlagen, so verläuft doch die Erhebungsaxe der Haupt-
Insel nahezu senkrecht dazu, nämlich ungefähr von NNW nach SSO.
Christmas Harbour oder Weihnachtshafen. Im nördlichen Theile
der Insel, in der Gegend des Christmas Harbour*) verlaufen die Erhebungen
in ziemlich gleichförmiger Höhe zwischen 180 und 455 Met., sich von anderen
Theilen der Insel dadurch auszeichnend, dass sie vielfach in nahezu senkrechten
Felswänden zum Meere abfallen. Auf einer solchen senkrechten Felswand des
Christmas Harbour, die erst in ungefähr 150 Met. Höhe etwas terrassirte Bil-
dung annimmt, erhebt sich ein kolossaler, menschenkopfähnlich geformter,
gegen 150 Met. hoher Felsblock von Basalt und Conglomerat (Mount Haver-
gal genannt) der wie zufällig dort hingerathen aussieht und dadurch sehr inter-
essant wird, dass an seiner Basis ungefähr 1.2 Met. von einander entfernt sich
zwei Schichten von 0.3 bis 0. Met. Mächtigkeit hinziehen, welche zum Theil mit
einem tuffartigen Gestein, zum Theil mit Stücken versteinerter Baumstämme
ausgefüllt sind. Die Schichten streichen ungefähr OSO und fallen mit 10°
gegen SSW.
Dieselbe steile Felswand, auf deren Höhe dieser Felskoloss ruht und
welche, einen Bogen nach Süd machend und allmälig auf ungefähr 60 Met.
abfallend, dort in dem bereits erwähnten Arch - Rock endigt, enthält 9 Met.
über dem aus Felsentrünmern gebildeten Meeresstrand eine horizontale Kohlen-
schicht von einigen Fuss Mächtigkeit, die an drei verschiedenen Stellen aus
dem Felsengeröll des Strandes zu Tage tritt.
Die vorgefundenen Steinkohlen und einiges versteinerte Holz in der
Nähe des Arch-Rock deuten wohl darauf hin, dass in früheren Zeiten hier ein
besseres Klima geherrscht hat, und die Inseln bewaldet gewesen sind. . Da bei
den Kohlenschichten auch etwas Bernstein gefunden worden ist, so wird sich
vielleicht hieraus und ausden versteinerten Holzproben dieHolzart ermitteln lassen,
welche hier einst vorgekommen ist.
Ausser diesen umgewandelten Ueberresten ist vielleicht der vielfach auf
der Insel vorkommende Rüsselkäfer, dessen Verwandte auf Holz wohnen, ein
lebendiger Zeuge einer einstigen Baumvegetation der Insel. .
Die Kohle ist von ganz verschiedener Beschaffenheit, indem zwischen
braunen, sehr erdhaltigen Massen sich einzelne Stücke leichter, fasriger und
stellenweise mattglänzender schwarzer Kohle (ähnlich der Candle-Kohle) dicht
bei einander fanden. In einer der weiter südwärts gelegenen Buchten, der
sogenannten Breakwater Bay soll nach einer, leider dem Commando zu spät
für eine Untersuchung zugeyrangenen Angabe eines mit den Verhältnissen der
*) Es sind überall, wo nach den bisherigen Karten bereits englische Namen eingeführt
waren, diese beibehalten, auch selbst wenn der betreffende Theil englischer Seits nicht, wohl
aber von deutscher Seite vermessen worden ist, in diesem Falle, wenn angängig, unter Ueber-
tragung des englischen Ausdrucks ins Deutsche. Nur dort, wo keine Namen existirten, die Be-
nennung aber für die Beschreibung unentbehrlich erschien, hat der Commandant S. M. S. „Ga-
zelle“ deutsche Namen gewählt.