26 Amnalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1893.
15 Sm nach See eine besondere Region zu liegen, welche von dem Passat nur
erreicht wird, wenn er genügend stark weht. Im Süden wird diese Region durch
die hohen Berge von Venezuela begrenzt, und der Passat wird, so lange er noch
schwach ist, hier gezwungen, als Steigewind aufzutreten und die Küstenzone dem
Einfluß der lokalen Temperatur- und Windverhältnisse zu überlassen. So waren
die Verhältnisse während der vier Monate gewesen, als am 7. Oktober von ö*a
ab schon ein ungewöhnlich starker und vor allen Dingen ununterbrochener Regen
niederging. Das Barometer stand noch über 760, um &* sogar 762,9. Trotzdem
war mir die Erscheinung dieses anhaltenden Regens und des gleichmäfsig Bedeckt-
seins des Himmels mit Wolken, sowie das eigenthümlich dunstige Aussehen
desselben verfänglich, und ich gab um 8" a schon den Befehl zur Meldung, wenn
das Barometer auf 758 fallen sollte. Der Wind war um 9" SW, Stärke 1, und
das Barometer war schon auf 759,8 gefallen. Um 10" war Stille mit demselben
Barometerstand, dabei rauschte der Regen noch immer in Strömen. Um 11*
setzte der Wind aus WNW, Stärke 3, ein, und das Barometer fiel auf 757,5.
Nun nahm ich an, dafs ein westindischer Hurricane im Anzuge wäre und dafs
wir uns auf der südlichen, also der sicheren Hälfte befänden. Hohe Dünung
war aus NNO aufgekommen, die jedoch noch wenig zu sagen hatte. Ich liefs
Alles für Sturm bereit machen. Regensegel wurden geborgen, alle Boote geheißt,
die Backspieren beigeklappt, Bramstängen an Deck genommen, Geschütze seefest
gezurrt, der zweite Anker fallen gelassen mit offenem Zwischendecksstopper und
Dampf aufgemacht in vier Kessein. Der Wind hatte bis 12* bis SWzS gedreht
und wehte Stärke 4—7. Das Barometer war auf 755,7 weiter gefallen. Auf
Rhede lagen die Schiffe vom Ufer ab nach aufsen, das spanische Kanonenboot
„Jorge Juan“, der englische Kreuzer „Pylades“, der französische grofse Kreuzer
„Magon“, die amerikanische Korvette ‚„Kearsarge“, dann die „Arcona“, hinter
der „Arcona“ das amerikanische Flaggschiff „Chicago“ und weiter nach See der
deutsche Dampfer „Colonia“. „Pylades‘“ und „Magon‘“ lagen noch bei dem
SW-Winde mit Heckankern, also verhältnifsmäfsig gut mit dem Bug gegen die
Dünung. Das spanische Kanonenboot hatte seinen Heckanker losgeworfen und
trieb nun zwischen den Küstenfahrern umher. Die beiden amerikanischen Kriegs-
schiffe und die „Arcona“ lagen auf dem SW-Wind und hatten die immer höher
werdende Dünung von achtern. Um 1® war das Barometer auf 756,8 gestiegen,
und der Wind setzte um diese Zeit ganz unvermittelt auf NEzE mit Windstärke 8
ein. Die drei äufßseren Schiffe schwoiten mit grofser Geschwindigkeit auf den
Wind und schlingerten, als sie quer See kamen, ganz enorm. „Arcona“ konnte
mit Mühe auf 110 m die zweite Ankerkette festhalten und lag nun mit langer
Kette gegen die hohe See ausgezeichnet. Der deutsche Dampfer „Colonia“ trieb
and ging Anker auf und in See. Der „Kearsarge“ brach sich seine Ankerklüsen aus,
Der „Pylades‘“ verlor seinen Heckanker, einem venezuelanischen Kriegsdampfer
brachen die Ketten, und derselbe trieb auf den „Jorge Juan‘, welchem 9 Mann
beim Absetzen ins Wasser gerissen wurden. Am schlimmsten sah es mit dem
„Magon‘“ aus, der auf 12 m Wasser fast in der Brandung zu liegen schien und
derartig schlingerte und stampfte, dafs nicht allein der Schiffsboden, sondern
auch der Kiel zu sehen war. Ich habe leider versäumt, eine Photographie von
dieser Situation aufzunehmen. Nach dem plötzlichen Umspringen des Windes
von SW nach NE mufste ich den Gedanken fallen lassen, es mit einem west-
indischen Hurricane zu thun zu haben, denn bei einem solchen mufste der Wind
langsam bis auf Süd drehen -— natürlich immer angenommen, dafs derselbe seine
bisher stets beobachtete Bahn von Barbados aus westlich nimmt. Ich nahm nun-
mehr einen der hier äußerst selten vorkommenden Südstürme an. Diese ent-
wickeln sich in den heifßsen Ebenen im Innern von Venezuela und wehen mit
Heftigkeit und großer Temperaturerhöhung als Südsturm an der ganzen Küste.
Auch dafs um 1* noch keine eigentliche Orkandünung stand, machte mir einen
westindischen Hurricane sehr zweifelhaft. Von 1®* ab verlief der Sturm ungemein
interessant. Das Barometer schwankte bis 7% abends zwischen 756 und 757 mm.
Der Wind behielt im Grunde eine östliche Richtung bei mit Stärke 1 bis 2.
Die Dünung hielt sich auf derselben Höhe. Ungefähr bis 5 Sm von Land hatte
der Himmel ein dunstiges, gleichmäfsig bewölktes, unheimliches Aussehen. Den
Rand dieses Abschnitts bildete eine langgestreckte tiefschwarze Wolke. Jenseits
dieser Wolke nach See zu war der Himmel blau, das Wetter heiter, der Horizont