IX
Die Schiffe nehmen das gewöhnliche Weserwasser, welches ihnen durch eine
mit Schläuchen versehene Pumpe gegen eine kleine Vergütung angeführt wird.
Das Latriftenwesen ist hier noch sehr mangelhaft oder vielmehr sar nicht
geordnet. Die Marsch bedarf der Excremente nicht und die 2 Va Meilen entfernte
Geest kann die Transportkosten nicht daran wenden. Die Latrinen bestehen
durchgängig in Senkgruben, Kübelsystem kennt man nicht, nur in einzelnen
neuen Häusern sind Closets angebracht. Der Inhalt der Gruben wird zum
allergrössten Theil Nachts in die Weser gebracht, nur zum kleinen Theil in den
Gärten vergraben. Erkrankte Seeleute werden billig von Seblafbaasen und
Barbieren nufgenommen, es existirt kein Hospital für dieselben. Die für Bremen
(Bremerhaven) geltenden Quarantaine-Bestimmuugcu haben auch hier Geltung,
eine Untersuchung des Gesundheitszustandes der von hier abgehendeu Schiffe
findet regelmässig nicht Statt.
Ausser meist gutartigen Kinderkrankheiten (Masern, Scharlach) hat hier
seit 1859 keine ansteckende Krankheit geherrscht. In jenem Jahre kamen
68 Fälle von Cholera vor, wovon die Hälfte starb. Einzelne Fälle von Blattern,
so auch in diesem Sommer 3, sind wohl da gewesen, aber nie epidemische
Ausbreitung derselben. Im verflossenen Vierteljahr war wie das ganze Jahr
hindurch der Gesundheitszustand sehr gut, besonders weil die Hitze keine
anhaltende. Auf den recht zahlreichen Schiffen kamen keine Erkrankungen vor.
Ostsee.
Aus einem Bericht des Kreisphysikus Dr. Ros ent hat an das Vorsteheramt
der Kaufmannschaft.
5) Memel. (Feuerthunn) 5*>° 44' N.. 21° 6' O. 16. October 1871.
Der Gesundheitszustand war während des 3ten Quartals ein günstiger. An
Erkrankungen kamen vorwiegend gastrische Störungen vor, seit Mitte September
häufig Halsaftectionen und Brustkatarrhe, wie auch Brustentzünduugen.
Auch im 2teu Quartal waren Pockenerkrankungen nicht häufig, nur so spo
radisch wie wohl in allen Jahren.
An der Cholera erkrankten in Stadt- und Landkreis 147. wovon 83 starben,
60 genasen, 4 in Behandlung blieben, darunter kommen auf die Stadt 74 mit
32 Todesfällen.
Andere epidemisch auftretende Krankheiten, wie Sumpffieber, Typhus,
Diphterie, lluhr u. dgl. nur ganz sporadisch.
Aas einem Berichte des Vorsteher-Amtes der Kaufmannschaft.
Memel, d. 8. November 1871.
Ein eigentlicher Impfzwang besteht hier nur zu Zeiten von Poeken-Epidemien,
doch sorgt man im Verwaltungswege dafür, dass jedes Kind geimpft wird.
Impfanstalten bestehen nur in einigen grossen Städten des Preussischen
Staates, von denen Lymphe verschickt wird. Das Impfwesen ist staatlich geordnet.
Es existirt keine geregelte Controlle der Prostitution, nur hin und wieder
werden auf polizeiliche Anordnung einzelne der Prostitution verdächtige Frauen
zimmer ärztlich untersucht.
Die Baupolizei beschäftigt sich mit Beseitigung hygieinischer Missstände,
soweit sie sich auf die Regulirung des Abflusses verunreinigter Flüssigkeiten,
Abfälle u. s. w. beziehen.