Ann. d. Hydr. usw., LIV. Jahrg. (1926), Heft III.
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N
Die Deutsche Atlantische Expedition
auf dem Vermessungs- und Forschungsschiff „Meteor“.
I. Die Aufgaben und bisherigen Arbeiten der Expedition.
Von Fregattenkapitän Spiess, Kommandant und Expeditionsleiter.
Mitgeteilt durch die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft.
Die Aufgaben der Deutschen Atlantischen Expedition, ihre Planlegung und
Organisation sind nicht zu trennen von Alfred Merz. Seiner Lebensarbeit
und Bedeutung als Ozeanograph, seinem weitschauenden Blick als Organisator und
seinem zähen Festhalten an dem einmal gefaßten Plan verdankt sie ihre Verwirk-
lichung. In einer am 27, Juni 1924 von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissen-
schaft einberufenen Versammlung in der Universität Berlin hat Merz zum ersten
Male in größerem Kreise seine Gedanken über die Aufgaben, die der Atlantische
Ozean heute meereskundlicher Forschung bietet, dargelegt!). In meisterhafter
Form beleuchtete er, wie eine Fülle von Wissenschaften zugleich an der ozeanischen
Forschung und ihrem Kernproblem, der Zirkulation der Wassermassen, das er in
den Vordergrund aller Aufgaben stellt, interessiert sind. Und so weit sich die
Ergebnisse unserer bisherigen Tätigkeit übersehen lassen, sind in der Tat die
engsten Beziehungen zwischen den meeresphysikalischen, chemischen, biologischen
und geologischen Untersuchungen und ihre gemeinsame Beziehung zum Zirkula-
tionsproblem auf Schritt und Tritt zu verfolgen, wie es Merz bei der Aufstellung
des Expeditionsplanes vorausgesehen hat.
Im folgenden sollen nun die Aufgaben der einzelnen auf „Meteor“ vertretenen
Arbeitsgebiete in ihrem Zusammenhang miteinander und unsere bisherige Tätig-
keit kurz skizziert werden. Ein ausführlicher Reise- und Tätigkeitsbericht aller
Expeditionsteilnehmer über die Vorgeschichte und den ersten Reiseabschnitt der
Expedition ist in der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin erschienen ?).
A. Ozeanographle.
1. Die Aufgaben und der Expeditionsplan,
Die Hauptaufgabe der ozeanographischen Untersuchungen ist durch das Problem
der atlantischen Horizontal- und Vertikalzirkulation gegeben. Die Erforschung
dieses Problems hatte sich schon eine Reihe früherer Expeditionen zur Aufgabe
gestellt. Neben der grundlegenden englischen „Challenger“-Expedition waren es
hauptsächlich die deutschen Expeditionen der „Gazelle“, „Valdivia“, „Gauß“, „Planet“,
„Möve“ und „Deutschland“, die eine Fülle wertvollen Materials zur Bearbeitung
des Zirkulationsproblems beigetragen hatten. Die geographische Verteilung dieses
Beobachtungsmaterials jedoch, das meist in Nordsüdschnitten durch den Atlantischen
gewonnen wurde, ermöglichte im wesentlichen nur eine Erfassung der meridionalen
Komponenten der Zirkulation, und der damalige Genauigkeitsgrad der Beobachtungs-
methoden gestattete nur eine erste qualitative Vorstellung über die ozeanische Wasser-
bewegung in meridionaler Richtung. Mit der Verfeinerung der Beobachtungstechnik
in den letzten 25 Jahren und der Entwicklung der hydrodynamischen Theorie war
die Möglichkeit gegeben, bei richtiger Anlage eines engmaschigen Beobachtungs-
netzes die Wasserbewegungen im Atlantischen räumlich und quantitativ zu erfassen,
Merz sah hierfür zwei Wege: die direkte Messung der Bewegung des Wassers nach
Richtung und Stärke in verschiedenen Tiefen, d.h die Strommessung. Zwei Voraus-
setzungen waren hierzu erforderlich. Das Schiff mußte auf Tiefen bis zu 6000 m
Wasser, wie sie im Südatlantischen vorkommen. fest verankert werden können, und
‘) Vgl. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Berlin 1925, Nr. 7—8. Alfred Merz: „Aufgaben
meereskundlicher Forschung im Atlantischen Ozean‘.
2) Vgl. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Berlin 1926, Heft 1: „Die Deutsche Atlantische
Expedition auf dem Vermessungs- und Forschungsschiff „Meteor“. ;
Ann. d, Hydr. ausw. 1826, Heft HL