5. Aus dem Tätigkeitsbereich der Abteilung G.
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Wasserfläche des Meeres. Zu diesen Einwirkungen der Gestirne und des Windes
auf die Höhe des Meeresspiegels kommt als mittelbare Ursache, die die Wirkung
des Windes unterstüzt, die Lage und Gestalt der betroffenen Meeresteile und
Küsten und in geringerem Maße auch noch der Einfluß des Luftdruckes in Be-
tracht, ferner im Unterlaufe von Flüssen auch das durch die Flüsse aus dem
Binnenlande in das Meer abfließende Wasser, das „Oberwasser“. Vergeblich fast
war bisher das Bemühen, die Wirkungen aller einzelnen Ursachen voneinander
zu trennen, Die außerordentlich hohen Sturmfluten sind hauptsächlich der Ein-
wirkung des Windes auf den Meeresspiegel zuzuschreiben,
a. Wie wirkt der Wind auf den Meeresspiegel ein, und welchen Einfluß
hat dabei die Gestalt der Küste?
Wenn der Wind über eine Wasserfläche weht, so erzeugt er auf dieser je
nach der Tiefe und Ausdehnung des Meeresteils Wellen von verschiedener Größe,
Mit zunehmender Wassertiefe werden die Wellen wachsen; mit der Ausdehnung
der vom Winde bestrichenen Wasserfläche werden die Wellen, da sich ihre
Schwingungen bis zu einem gewissen Grade vereinigen, ebenfalls wachsen. Aus
diesem Grunde werden in der Nähe der Küste niemals hohe Wellen auftreten, wenn
der Wind aus dem Lande steht. ;
Bei nur schwachen Winden behalten die Wellen während der ganzen Dauer
giner Schwingung nahezu ihre reine Form bei, indem jedes der die Welle bildenden
Wasserteilchen nach vollendeter Schwingung in seine frühere Lage zurückkehrt,
Wird der Wind stärker, so werden die beiden Abhänge der Welle vom Winde
mit verschiedener Kraft getroffen, da der dem Winde abgekehrte, vordere Abhang
der Welle durch den Wellenkamm vor der unmittelbaren Einwirkung des Windes
geschützt ist, während der hintere Abhang in seiner ganzen Fläche vom Winde
vorwärtsgestoßen wird. Infolgedessen überholt der hintere Abhang den vorderen
teilweise und kehrt, da der Kopf der Welle abgebrochen wird und schäumend
auf den vorderen Abhang überbricht, nach vollendeter Schwingung der Welle
nicht wieder in seine frühere Lage zurück.
Je nach den Umständen werden die schäumend vor dem Winde über-
brechenden Kämme der Wellen die Höhe des Meeresspiegels verschiedenartig
beeinflussen. Auf der offenen See wird der Wind irgendeiner Stelle in den
meisten Fällen von der einen Seite ebensoviel Wasser zuführen, wie er ihr nach
der entgegengesetzten Seite abführt, so daß die Höhe des Wasserspiegels nicht
merklich verändert werden wird. In einem größtenteils von Land umgrenzten
Meeresteil, wie z. B. die Nordsee es ist, wird das nach der einen Seite vom Wind
entführte Wasser von der andern Seite nicht mehr wieder ersetzt werden können;
der Meeresspiegel wird hier sinken und dadurch, wenn auch in geringerem
Maße, eine Senkung der rückwärts gelegenen Wasserflächen zur Folge haben.
Ähnlich wird es sein, wenn ein ablandiger Wind die Meeresoberfläche trifft.
Erst in einiger Entfernung von der Küste werden sich größere Wellen bilden,
die das Wasser von der Küste entfernen; an dieser selbst wird nur mittelbar
eine Senkung des Meeresspiegels veranlaßt. An der vom Winde getroffenen
Küste können dagegen sehr erhebliche Erhöhungen des Meeresspiegels entstehen;
doch wird das Maß der Erhebung wesentlich von dem Verlauf der Küstenlinie
abhängen. ;
Wenn die Küste eine vorspringende Ecke bildet und damit dem Winde
gleichsam die Spitze bietet, so kann das andringende Wasser zu beiden Seiten
abfließen und an der Ecke eine verhältnismäßig. nur geringe Erhöhung verur-
sachen, An einer Küste, die dem Winde in langer, gerader Linie entgegensteht,
wird die Erhebung beträchtlich werden können, Der größte Anstau des Wassers
wird sich aber an der Küste vollziehen, die eine tiefe und sich allmählich ver-
engende Bucht begrenzt.
Wenn daher ein schwerer und anhaltender Sturm über die Nordsee in ihrer
ganzen Breite dahinbraust, wenn die riesigen, donnernd sich brechenden Wogen
unaufhaltsam aufeinander folgen, werden große Wassermassen vor dem Winde
auf die deutsche Küste gejagt. Wenn sie dann in die weitgeöffnete Deutsche