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Aunalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1926,
Zum Begriff der Loxodrome.
Von Prof. HB. Maurer.
Hierüber hat Herr Hofrat Prof. Dr. Böhm v. Böhmersheim!) einen aus-
führlichen Aufsatz veröffentlicht, in dem er vorschlägt, die in der Nautik ge-
bräuchliche Definition der Loxodrome als Linie gleichen Kurswinkels aufzugeben
und statt dessen zu definieren:
Isodrome = Linie gleichen Kurswinkels,
Loxodrome = Isodrome, deren Kurswinkel nicht == 0°, 90°, 180° oder 270° ist.
Die philologischen und historischen Gründe, die der Verfasser für seinen Vor-
schlag beibringt, sind, daß das Wort A0Sos schräg heißt, und daß ältere Schrift-
steller wie Snellius, der Schöpfer des Wortes Loxodrome, darunter nur die
schiefen Loxodromen verstanden zu haben scheinen. Soll die Nautik diesen Vor-
schlag annehmen?
Die Seeleute werden hierfür philologische und historische Gründe nicht in
erster Linie als ausschlaggebend anerkennen, sondern die praktische Nautik und
die mathematische Zweckmäßigkeit entscheidend sein lassen.
Nautisch unterscheidet man die loxodromische Schiffahrt von der ortho-
dromischen dadurch, daß man bei der loxodromischen einfach auf gleich-
bleibendem Kurse fährt und es dabei in Kauf nimmt, wenn man so nicht den
kürzesten Weg einschlägt, während die orthodromische Schiffahrt den schwierigeren
Versuch darsteilt, den kürzesten Weg zu fahren. Danach wird jeder Nautiker
die Fahrt auf dem Breitenkreis natürlich zur loxodromischen Schiffahrt rechnen
und von ihr auch den Spezialfall, wo dieser Breitenkreis der Äquator ist, nicht
deshalb von der loxodromischen Schiffahrt ausschließen, weil er in diesem Fall
auch bei der Fahrt nach dem Kompaß ohne besonderen Kunstgriff zugleich den
kürzesten Weg fährt. Dasselbe wird er für die Fahrt im Meridian gelten lassen,
und er wird die beiden Fälle der ÄAquatorfahrt und der Meridianfahrt, wo die
loxodromische Fahrt (Fahrt auf gleichem Kurs) zugleich orthodromisch (auf
kürzester Bahn) ist, zur loxodromischen Schiffahrt rechnen, weil sie eben nichts
von den Schwierigkeiten der orthodromischen Schiffahrt verlangt. .
Mathematisch bedeutet Herrn v. B/’s Vorschlag, .die Kurswinkel 0°, 90°,
180°, 270° in der Definition der Loxodrome auszuschließen, etwas Analoges, wie
wenn man sagen wollte:
Rechteck und Rhombus sind nicht als Parallelogramme zu bezeichnen.
Das Quadrat ist nicht als ein Rechteck oder als ein Rhombus zu bezeichnen.
Der Zylinder ist nicht als ein Kegel zu bezeichnen.
Zwei sich schneidende Geraden sind nicht als eine Hyperbel zu bezeichnen.
Der Kreis ist nicht als eine Ellipse zu bezeichnen.
In der Tat scheint der Herr Verf. dieser Ansicht zu sein, denn er sagt
(S. 122): „So wenig aber, wie es jemand einfallen wird, den Kreis als Ellipse zu be-
zeichnen, hat man Meridiane, Aquator und Parallelkreise als Loxodromen anzu-
sprechen.“ Demgegenüber sieht die Mathematik gerade in ihren allgemeinen Defini-
tionen, die auch alle Sonderfälle umfassen, einen großen Vorzug, was ja in der
genauesten Form mathematischer Definitionen, in Formeln und Gleichungen sehr
deutlich wird, Warum soll ich eine Ellipse 5 + = 1 keine Ellipse nennen dürfen,
wenn a=—b wird? Oft liegt es ja bei mathematischen‘ Problemen so, daß man
gar nicht weiß, ob ein solcher Spezialfall, den eine beschränkende Definition aus-
schließen würde, vorliegt oder nicht. Und dasselbe könnte ja auch bei der Loxo-
drome eintreten: Jemand fährt den wahren Kurs 88° mit aller Genauigkeit, findet
aber dann seine Kompaßdeviation 2° größer als er angenommen hatte. Soll er
nun sagen: Also bin ich doch nicht loxodromisch gefahren? .
Die Mathematiker werden solche Definitionen, die Einzelfälle vom allgemeinen
Begriff ausschließen wollen, sicher nicht begrüßen, Herr v. Böhm führt freilich
1) Zum Begriff und zum Verlauf der Loxodrome. Von Hofrat Dr. A. Böhm v. Böhmersheim,
SonderabaAruck aus der Festschrift der Nationalbibliothek in Wien. Wien 1926 (50 Seiten).