Schott, @ : Die Tiefwasserbewegungen des Indischen Ozeans, 419
In der obersten Schicht, die man —— die polaren Gebiete erst einmal auszeschlossen
— bis 100, 200, 300 m rechnen mag, haben wir das Spiel der
bekannten Oberflächenbewegungen, insbesondere der großen Äquatorialströme
der Passatzonen (O0 in der Figur). Ganz wesentlich von dem nördlichen Salzgehaltsmaximum
aus (Sargasso-See), nur unwesentlich von dem südlichen Salzyehaltsmaximum
aus findet das aus der früheren Vorstellung übernommene Absinken
der Wassermassen zur Tiefe statt, und auch nur aus mäßigen Tiefen
(500—600 m) die Aufwärtsbewegung in der äquatornahen Region. Das übervragende
nordatlantische Gebiet maximalen Salzgehaltes liefert den sogenannten
nordatlantischen salzreichen Tiefenstrom (T der Figur), der in den
Tiefen von etwa 1500 bis 3000 und 3500 m, also in vertikal mächtiger Front,
südwärts sich bewegt, und zwar verfolgbar ist mindestens schon bis 60° S-Br.: das
ist die eine neue Tatsache, Ebenso neu, wenn auch schon im „Challenger“-Material
vorhanden, ist der südatlantische salzarme Zwischenstrom (P der Figur),
der über dem nordatlantischen Tiefenstrom ebenfalls vorwiegend horizontal in
den Tiefen zwischen 600 und 1000 m sich von Süd nach Nord bewegt. Sein
Ursprung war umstritten; manche glaubten, das Wasser der subantarktischen
Breiten, also das schon zwischen etwa 55—50° S-Br. befindliche Oberflächenwasser
sei die Quelle, andere leiten ihn aus rein antarktischen Gegenden her,
und daher wird bald von einem subantarktischen, bald von einem antarktischen
Zwischenstrom gesprochen, wobei dieselbe Erscheinung gemeint ist, Wir werden
sehen, daß er aus der Antarktis stammt, aber erst in subantarktischer Breite
in die Tiefe sinkt. Wichtig ist, daß dieser Zwischenstrom P nach Norden zu
sicher bis nahe 30° N-Br. in der Tiefe nachgewiesen ist: wir haben also in
diesem Niveau ein Übergreifen südhemisphärischen Wassers weit nach N-Br,
wie darunter in 2000—3000 m ein solches von nordhemisphärischem Wasser weit
nach S-Br. Endlich hat man in unserer Fig. 1 unter dem Strom T den Bodenstrom
B, vorwiegend aus der Antarktis, wobei ein solcher auch aus der Arktis
nicht ausgeschlossen wird,
So stellt sich in den allgemeinsten Zügen die heutige Auffassung der Wasserumschichtung
wenigstens im atlantischen Tiefenraum, Dabei sind in nicht
unwichtigen Einzelheiten die Meinungen noch geteilt; wiederholt hat der Berichterstatter
darauf hingewiesen, daß man z. B. im streng äquatorialen Reiche
vertikaler Aufwärtsbewegungen relativ bedeutender Art nicht entraten könne,
um gewisse Eigenheiten der Temperaturverteilung erklären zu können (manche
Ozeanographen wollen solche radikal beseitigen), doch sei darauf nicht weiter
eingegangen. Von den früheren Anschauungen geblieben ist, außer anderen
Besonderheiten, hauptsächlich der Bodenstrom B und das Absinken der Wasser
in den nordhemisphärischen Subtropen. — Über die historische Entstehung
dieser eine neue Arbeitsunterlage schaffenden ozeanographischen Ideen hat ein
%. T. etwas leidenschaftlich geführter Streit in den letzten Jahren stattgefunden.
Nach des Berichterstatters Kenntnis muß man W, Brennecke mit seinen
fundamentalen Beobachtungen auf „Planet“ und „Deutschland“ 1906 und 1911/12
das überragende Hauptverdienst zuschreiben, wie schon v. Drygalski in diesen
„Annalen“ 1923, S. 141, ausgeführt hat; aber auch A, Merz und G. Wüst (1922)
haben einen großen Anteil daran durch Heraushebung älterer entsprechender
Beobachtungsdaten und klare Ausarbeitung der Vorstellung als solcher, zugleich
mit der Aufgabestellung für die „Meteor“-Fahrt.
Und nun kehren wir zu v., Drygalskis Werk zurück und fragen, welche
Leistung die „Gauß“- Expedition im Rahmen dieses Lehrgebäudes zu verzeichnen
hat. In ‚historischer Hinsicht verdanken wir den Gelehrten des „Gauß“ die‘
ersten neuzeitlichen Beobachtungen über das auffällige Salz-Minimum bei 900 m,
d. h. über den salzarmen südatlantischen Zwischenstrom, und es ist darauf als
auf einen Wendepunkt in den physikalischen Eigenschaften des Tiefenwassers
bereits im Vorbericht!) von v. Drygalski unter Beigabe von Diagrammen hingewiesen
worden. Sein Buch „Ozean und Antarktis“ läßt durch eine Station
Veröffentl. Inst. f. Meereskunde. Heft 1. 8. 47.