Ann, d, Hydr. usw., LIV. Jahrg. (1926), Heft XII.
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Die Tiefwasserbewegungen des Indischen Ozeans.
Zugleich zur Besprechung von E, von Drygalski „Ozean und Antarktis“1),
Von Gerhard Schott, Hamburg, Seewarte.
(Mit 2 Textfiguren und Tafel 29.)
Im Jahrgang 1922 dieser Zeitschrift?) hat W. Brennecke über v. Dry-
galskis großes Buch, das die Eisverhältnisse der Antarktis und der angrenzenden
Meere behandelt, Bericht erstattet. Nunmehr liegt auch der Band, der die
eigentliche Meeresforschung der „Gauß“- Expedition bringt, vor, 23 Jahre nach
der Rückkehr des „Gauß“. Wer sich über die lange Zeitspanne verwundern
sollte, sei daran erinnert, daß bis zum Abschluß des Werkes über die englische
Tiefsee-Expedition auf „Challenger“ 17 Jahre verstrichen, und die Ergebnisse der
deutschen Tiefsee-Expedition auf „Valdivia“ noch heute, 27 Jahre nach Rückkehr,
nicht ganz vollständig veröffentlicht sind. Im vorliegenden Falle ist freilich
das späte Erscheinen des „Gauß“-Materiales, rein fachlich gesprochen, zu bedauern,
und der Verfasser bedauert die durch die Verhältnisse erzwungene Verspätung
sicherlich auch, Die Wirkung einer vollen Veröffentlichung etwa 1906 statt
1926 wäre schon im Hinblick auf die damalige „Planet“-Expedition eine außer-
ordentliche gewesen und hätte viele spätere Arbeiten wesentlich bestimmt. Die
„Gauß“-Expedition stand, an der Wende des Jahrhunderts, zugleich an einer
Wende der ozeanographischen Arbeitsmethoden und Arbeitsinstrumente, Sie hat
glücklicherweise noch einigen Anteil an den hauptsächlich durch die inter-
nationale Meeresforschung herbeigeführten Fortschritten der Beobachtungstechnik
auf See mitnehmen können; so überrascht es, zu sehen, wie viele Chlor-
bestimmungen (für den Salzgehalt) erfolgt sind. Andererseits war die bequeme
Winklersche Methode zur Ermittlung der Sauerstoffmenge noch nicht verfügbar,
die Richterschen Tiefseethermometer hatten eine Genauigkeit von höchstens
-+0.05, während wir heute -+ 0.01 verlangen müssen und bequem erreichen.
Der Ekman-Tiefenstrommesser war noch nicht vorhanden. Aber wenn man
bedenkt, was Merz und Wüst aus der sorgsamen Neudiskussion der Beobach-
tungen auch älterer Forschungsreisen herausholten, und wenn man die Ergebnisse
der Drygalskischen Reihen wirklich studiert, so wird man sich sicher, daß
hier ebenfalls, obwohl die ozeanographische Wissenschaft heute ein ganz anderes
Gesicht hat als vor 25 Jahren, doch eine außerordentlich wertvolle Bereicherung
unserer Kenntnisse über das Meer vorliegt. Es kommt als Vorteil sogar dazu,
daß v. Drygalski nunmehr Gelegenheit hatte und nicht versäumt hat, seine
zeitlich zurückliegenden Beobachtungen in Verbindung mit dem inzwischen
wesentlich durch Brennecke beigebrachten neuen Material zu setzen und zu
den neuen Problemen, z. B, hinsichtlich der Frage nach Ursache und Wesen der
Strömungen überhaupt, Stellung zu nehmen, so daß schließlich die Darstellung
ein ganz modernes Gewand hat.
Ungeachtet der Bedeutung des nationalen Unternehmens auf „Gauß“ kann
es hier nicht auf eine volle Inhaltsangabe aller ozeanographischen Ergebnisse
im einzelnen ankommen. Im Vordergrunde aller ozeanographischen Tätigkeit
steht heute die große Frage nach der allgemeinen Wasserzirkulation der
Meere, Es ist zweckmäßig, zunächst über dieses Grundproblem, wie es sich
z. Zt. stellt, die Leser auch dieser Zeitschrift in allgemeinen Umrissen zu unter-
richten, schon deshalb, weil erst dann die Berichterstattung über v. Drygalskis
Arbeit ein volles Verständnis finden kann; aber auch deshalb, weil dies Problem
der Kern- und Angelpunkt der in Gang befindlichen „Meteor“ - Expedition
geworden ist, die uns sicher noch viel genauere Aufschlüsse bringen wird, Zwar
1) „Ozean und Antarktis‘, Meereskundliche Forschungen und Ergebnisse der deutschen Südpolar-
Expedition 1901—1903, Band VII der Ergebnisse: Ozeanographie, Mit 3 Karten- und 1 Profiltafel;
7 Abbildungen im Text S. 388—556. Berlin 1926. W. de Gruyter & Co.
2) Ann, d. Hydr. usw. 1922, S. 222{f.
Ann, d, Hydr. usw. 1926, Heft XII,