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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 54 (1926)

Köppen, W.: Über geschätzte Windstärken und gemessene Windgeschwindigkeiten, 368 
Zu 2. Von den zwei Konstanten der Anemometerformel war die auf die 
Schalengeschwindigkeit bezügliche in beiderlei Vergleichsreihen berücksichtigt, 
die Reibungskonstante aber nur in der deutschen, nicht in der englischen Reihe, 
Wir müssen also zu allen Zahlen derselben !/, m p. s. oder mehr hinzufügen, 
was bei den höheren Stärkegraden bedeutungslos ist, bei den niederen aber sehr 
wesentlich ist. 
Zu 3. Wir müssen uns jetzt, da wir endlich etwas Wissen von der Luft- 
bewegung über unseren Köpfen erlangt haben, von der (bis dahin berechtigten) 
Empfindung frei machen, daß einfach jede Aufstellung eines Windmessers um so 
besser sei, je höher sie ist. „Frei“ ist eine Aufstellung, wenn in ihrer Luftschicht 
keine horizontalen Unterschiede der (mittleren) Windgeschwindigkeit vorhanden 
sind; darüber hinaus müssen wir die Höhe nach unseren Zwecken wählen. Von 
den vertikalen Unterschieden kommen wir nicht los, so hoch wir auch gehen, 
wenn sie auch nach oben immer geringer werden. 
Über einer völlig horizontalen freien Fläche ändert sich die mittlere Wind- 
geschwindigkeit nur in vertikaler Richtung, durch Zunahme nach oben und in 
bestimmter Weise. Die Windgeschwindigkeit in 2m Höhe über einer solchen 
Fläche =1 gesetzt, ist diese nach den Messungen zu Nauen und Eilvese ungefähr: 
inim 2m 4m 6m 8m 10m 12m 15m 20m 25m 30m 
0.83 1.00 1.14 124 1.31 1.36 1.40 1.46 154 1.60 1.65 
oder für jede Verdoppelung der Höhe wächst die Windgeschwindigkeit um ungefähr 
0.16 ihrer Größe in 2 m über dem Boden; in der Nacht mehr, am Tage weniger. 
Aber auf dem Festland ist eine solche Fläche in der Nähe meteorologischer 
Stationen selten verfügbar, und selbst auf dem Meere ist die Störung durch den 
Schiffskörper da. Herr Simpson stellt den Sachverhalt auf S. 16 seiner Schrift 
richtig dar: „The exposures of the anemometers used in the determination of the 
Seewarte equivalents were typical of the ordinary exposure of anemometers usw.“ 
Der allgemeine Fall ist eben, auch in flacher Gegend, ein von Bäumen und Häusern 
kupiertes Terrain. Als ein günstiger Umstand ist es noch zu betrachten, wenn 
Hiese Kupierung so gleichförmig ist, daß sie 10 bis 20 m über dem Boden ein 
der oben erwähnten Fläche vergleichbares freies Niveau darbietet, über das sich 
das Anemometer etwa 2m hoch erhebt und auf welchem sich auch die Gegen- 
stände befinden, nach denen die Windstärke geschätzt wird, Ob durch das Vor- 
handensein der Zwischenräume zwischen den Bäumen und Häusern die Geschwin- 
digkeit der Luft über ihnen gesteigert oder verringert wird, hängt wohl von der 
Größe dieser Zwischenräume ab und läßt sich nur empirisch bestimmen; sie kann 
ja bei turbulenter Bewegung durch die Beimischung der langsameren Luft der 
Zwischenräume (Straßen usw.) verringert werden. Einen ganz ungefähren An- 
halt erhält man dadurch, daß bei den vier von Sprung benutzten Stationen die 
freie Höhe des Anemometers etwa 2 m, seine mittlere Höhe über dem Boden 
etwa 16 m war und Herr Simpson diese Aufstellung als äquivalent einer solchen 
4 m über freier Fläche findet, also die 14 m zwischen dem Niveau der Dachfirste 
bzw. Baumwipfel und dem Abstand zwar günstig, aber nur etwa so viel wie 2 m 
freier Erhebung wirkten. 
Um der Klärung dieser Fragen näher zu kommen, müßte neben der Höhe 
des Windmessers über dem Boden, wo es irgend möglich ist, auch die Höhe über 
dem Durchschnittsniveau der Umgebung, die freilich selten nach allen Richtungen 
dieselbe ist, angegeben werden. Die bloße Angabe der Schalenhöhe über dem 
Boden ist irreführend, z. B. darf als Ausgangspunkt für Vergleichungen mit dem 
Eiffelturm eine mittlere Windgeschwindigkeit für Paris von 2.15 m p. s. nicht auf 
die Höhe von 21 m über dem Straßenpflaster bezogen werden, sondern auf eine 
weit geringere „freie“ Höhe, die freilich wohl nur ganz ungefähr bestimmt werden 
kann. Wie zunehmende Bebauung die Angaben eines Anemometers beeinflußt, 
wird z. B. durch die Aufzeichnungen desjenigen auf dem Joachimsthalschen 
Gymnasium in Berlin veranschaulicht. Klarheit in dieser Sache wird man 
vielleicht durch Modellversuche im Windkanal gewinnen können, die sehr zu 
wünschen wären.
	        
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