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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 54 (1926)

Weinberg, B.: Physikal, Betrachtungen über Entstehung usw. einzelner Elemente d. Hydrometeore. 107 
and so das Verdampfen oder Kondensieren völlig ausschließen können*) u. !}). — 
Leider sind im Falle 2 das Gewicht und die Dicke eines Schneekristalls zu gering, 
um auch nur die Oberflächenspannung solcher Flüssigkeit zu überwinden. Wollen 
wir das Element in der Luft — in einem geschlossenen Raume — aufbewahren, 
so müssen wir, um die Konstanz seiner Masse zu sichern, eine konstante Wasser- 
dampfspannung in dieser Luft unterhalten. Für zweiphasige Elemente — Fall 5 — 
müßte diese Spannung und die Temperatur genau dem Tripelpunkte entsprechen 
und etwaiger Wärme-Zu- oder Abfluß unmöglich sein, eine Forderung, die an- 
scheinend unerfüllbar ist. 
In den Fällen 1 und 3 müßte man das Element auf einer unbenetzbaren 
Unterlage liegen lassen und in dem umgebenden Raume eine Wasserdampfspannung 
P=PC=0,83=0 + Acp — Asp, 
unterhalten, wo C die Krümmung, S den Salzgehalt des Tropfens bezeichnet und 
Acp und Asp die durch die Krümmung und den Salzgehalt bedingten Ande- 
rungen der Dampfspannung. Die Dampfspannung läßt sich nur konstant erhalten, 
wenn wir in den gleichen Raum Wasserteilchen von kleiner Krümmung ein- 
führen. Die Möglichkeit, genau die Spannung p zu erhalten, ist somit in den 
Fällen, wenn 4cp > dsp ist, was bei den kleinsten Tropfen des Nebels und der 
Wolken vorkommen kann, ausgeschlossen. Für größere, natürliche oder künstlich 
erzeugte**) Tropfen ist diese Möglichkeit vorhanden. 
Vorstehende Betrachtungen zeigen, daß das gleichzeitige Aufbewahren von 
mehreren Regentropfen in demselben Raume nur dann möglich ist, wenn alle 
Tropfen die gleiche Größe haben, eine Voraussetzung, die auf die Dauer un- 
erfüllbar ist: jede eventuelle Vergrößerung eines Tropfens würde diesen sofort 
befähigen, die kleineren Nachbaren „aufzufressen“. . 
Noch viel ungünstiger liegen die Verhältnisse für Schneekristalle, weil wir 
als möglich annehmen können, daß die Dampfspannungen an verschiedenen Flächen 
eines solchen Kristalles verschieden sind, und daß — wenn man die Thomsonsche 
Formel hier anwenden will — an dessen Kanten und Spitzen noch größere Dampf- 
spannungen entstehen können. Als indirekter Beweis hierfür darf die bekannte 
Wahrnehmung von dem „Aufgefressenwerden“ der kleineren Fenster-Eiskristalle 
durch die größeren gelten und die Bildung von „Höfen“ in deren Umkreis. 
Wem diese theoretischen Betrachtungen noch nicht genügen, der findet die 
Schlußfolgerung von der „Unmöglichkeit, Schneekristalle aufzubewahren“, bestätigt 
auf zwei anderen Wegen (von den insgesamt drei möglichen Methoden der Er- 
forschung geophysikalischer Erscheinungen), nämlich durch Beobachtungen in 
der Natur selbst und mittels spezieller Experimente***), Daß die scharfen 
Kanten eines herabgefallenen Schneekristalles sich allmählich abrunden, ist be- 
kannt. In den Jahren 1909 und 1910 versuchten ich und meine Mitarbeiter 
W. D. Dudeckij und J. J. Sidorov auf alle nur mögliche Weise, Schnee- 
kristalle aufzubewahren; es gelang uns indessen nicht, das allmähliche Abrunden 
der Kanten bei ihnen zu verhüten, 
Alle Überlegungen und Erfahrungen führten mich zu dem Schlusse, daß ein 
Schneekristall nur stabil sein kann, solange es wächstt). Dieses Wachsen, das mit 
Wärmeausscheidung verbunden ist, kann nur dann stattfinden, wenn ein ent- 
*) Es genügt (vgl. Abhdlg. Nr. 15 des Lit, Verz.), jedes Hagelkorn in ein Stückchen Papier ein- 
zuhüllen, und eine einfachere Apparatur zu gebrauchen, um die Temperatur unter 0° zu halten. Wir 
haben auch mit Erfolg im Sommer Dünnschliffe von Hagelkörnern angefertigt, indem wir die Objekt- 
platte nach jeder Verminderung der Schliffdicke (mittels der Wärme des Fingers) in ein mit Eis und 
Salz umhülltes Gefäß legten. Auch die Untersuchung dieser Schliffe mittels eines Polarisations- 
Mikroskops war im Sommer möglich, indem dessen unterer. Teil in ein entsprechendes zweiwändiges 
Gefäß (t < 0°) mit Fenstern hineingesetzt wurde, 
**) In der Publikation Zfr, 3 des Lit. Verz. habe ich Formeln entwickelt für die Entfernung, von 
welcher ab ein Sandteilchen gewisser Größe, das bis zu einem Potential V geladen ist und mit einer 
bestimmten relativen Geschwindigkeit fällt, unelektrisierte Wassertropfen  estsmmiten Durchmessers 
anziehen und infolgedessen auf sich ansammeln kann; auch für andere Einzelheiten solcher Ver- 
zuche sind dort Formeln entwickelt. 
***) Auf die Wichtigkeit des letztgenannten Forschungswey”es habe ich seit 1911 mehrfach hin- 
gewiesen, u. 8. in Abhdlg. Nr. 7 und 15 des Lit. Verz. 
+) Unsere Versuche, natürliche Schneekristalle wachsen zu lassen, waren ebenfalls erfolglos.
	        
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