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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

366 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1894, 
Ort nach der Methode der von Prof. G. Darwin vervollkommneten harmonischen 
Analyse mit grofser Genauigkeit vorher berechnet werden können, ausgenommen 
die meteorologische Tide, so ist doch Niemand im Stande, etwas über die Tiden 
eines Ortes anzugeben, wo noch keine Beobachtungen gemacht sind. 
Beobachtungen auf der ganzen Welt haben nun gezeigt, dafs die Gezeiten- 
bewegung nirgends so regelmäfsig und einfach ist wie bei den britischen Inseln. 
Dies ist um so auffallender, wenn man bemerkt, dafs die Gezeiten an der anderen 
Seite des Atlantischen Occans, bei Neu-Schottland zum Beispiel, sehr verwickelt 
3ind. Die kleineren Tiden, die in den meisten Gegenden der Erde einen sehr 
beträchtlichen Bruchtheil der Haupt-, Mond- und Sonnentiden ausmachen, wenn 
sie nach einer Richtung zusammenfallen und die deshalb die Wirkung der 
Haupttiden bedeutend stärken oder schwächen, sind in Grofsbritannien so un- 
bedeutend, dafs ihr Einflufs verschwindend gering ist; aber warum dies so ist, 
hat mir bis jetzt noch Niemand erklären können. Doch giebt es bei unseren 
Gezeiten manche sehr merkwürdigen Punkte, die offenbar durch Interferenz ver- 
ursacht sind oder mit anderen Worten durch die Begegnung zweier Gezeiten- 
wellen, die von verschiedenen Richtungen kommen, oder durch das Abprallen 
der Gezeitenwellen von anderen Küsten. Auch diesen Einflufs hat man bisher 
ahne Beobachtungen nicht vorher bestimmen können, So steigt z. B. an unseren 
südlichen Küsten im westlichen Theil die Fluth etwa 15 Fufß, aber bei dem 
Vorrücken nach Osten nimmt sie allmählich ab, bis sie bei Poole ein Minimum 
von 6 Fuß erreicht. Weiter östlich nimmt sie wieder zu bis Hastings, wo sie 
24 Fufs beträgt. Noch weiter östlich nimmt sie allmählich wieder ab. Das 
rührt von dem Abprallen einer anderen Welle von der französischen Küste her, 
wodurch die Hauptwelle bei ihrem Vorrücken im englischen Kanal entweder 
verstärkt oder geschwächt wird; aber die Einzelheiten einer solchen Reflexion 
3ind so verwickelt, daß Niemand sie vorhersagen könnte, der nicht mehr Kennt- 
nisse hätte, als wir besitzen. Es kann kaum ein Zweifel bestehen, dafs die 
Aenderungen in dem Betrag des mittleren Fluthwechsels, die an verschiedenen 
Stellen vieler Küsten auftreten, hauptsächlich dieser Ursache, Reflexion, ihre 
Entstehung verdanken, und da diese zurückgeworfenen Wellen aus grofßsen Ent- 
fernungen kommen und. zahlreich sein können, brauchen wir uns nicht weiter 
über die aufserordentlichen Unterschiede im Fluthwechsel zu wundern, die vor- 
kommen; selbstverständlich hat dies nichts mit den wechselnden Höhen auf- 
einander folgender Tiden oder der Tiden zu verschiedenen Zeiten des Mond- 
amlaufs oder zu verschiedenen Jahreszeiten zu thun, die alle von astronomischen 
Verhältnissen abhängen. 
Die eigentliche Fluthhöhe in tiefem Wasser ist gering, aber beim Ueber- 
gang in seichtes Wasser, bei der Annäherung an eine Küste, und besonders 
wenn sich die Fluth in eine mehr oder weniger trichterförmige Bucht hinauf- 
wälzt, nimmt sie, durch Reibung aufgehalten, an Höhe zu, ebenso dadurch, dafs 
sie seitlich zusammengedrückt wird; darum ist die von anderen Ursachen ab- 
hängige Fluthhöhe an der Küste bedeutender als die in der offenen See. Der 
oceanischen Gezeitenwelle wird eine Höhe von 2 bis 3 Fufs zugeschrieben, 
aber da sich diese Annahme auf Beobachtungen bei kleinen oceanischen Inseln 
stützt, wo die flutherhöhenden Einflüsse doch noch vorhanden sind, wenn auch 
in ihrem geringsten Betrage, warten wir auf genaue Angaben, bis Mittel ge- 
funden sind, die wirkliche Fluthhöhe in tiefem Wasser zu messen. 
Die durch den Wind verursachten Wellen reichen zwar nicht so 
weit in ihren Wirkungen wie der majestätische Marsch der Gezeitenwelle, treten 
aber bei der Fabrt über den Ocean deutlicher hervor als diese. Das offene Meer 
in einem schweren Sturm bietet dem Menschen vielleicht die eindrucksvollste 
Bethätigung der Naturkräfte dar, die es giebt, und Viele von uns haben ohne 
Zweifel dabei Gefühle empfunden, die, je nach der Stimmung des Einzelnen, 
zwischen Ehrfurcht und Bewunderung bis zu reinem Hochgenufs schwankten, als 
sie sich zum ersten Male diesem grofsartigen Schauspiele gegenübersahen, obwohl 
ich fürchte, dafs Unbehagen das vorherrschende Gefühl ist, das die Meisten 
davontragen. Die Höhe, welche Sturmwellen erreichen, ist nie ganz befriedigend 
bestimmt worden. Abgesehen von der Schwierigkeit der Aufgabe und der ge- 
ringen Zahl Leute, die sich mit ihr abgeben, wenn sie eine Gelegenheit dazu 
haben, kommt es nur selten vor, dafs eine einzelne Person wirklich ungewöhnlich
	        
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