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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 54 (1926)

550 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 19286, 
Es war ein großer Zufall gewesen, daß wir auf unserer Ballonfahrt gerade 
in den hoch über das Wolkenmeer aufragenden turmartigen Kopf eines Cumulus 
geraten waren und die Instrumente einwandfrei aufzeichneten und abzulesen 
waren. Sie zeigten eine Aufwärtsbewegung der Luft im Innern des Cumulus 
von 4—5 (4.7) m/sec im Mittel. Wahrscheinlich betrug die Bewegung im 
Zentrum mehr, etwa 6 m, näher am Rande weniger, etwa 3 m, während außer- 
halb des Cumulus an seinem Rande eine Abwärtsbewegung von wesentlich geringerer 
Stärke, von etwa 1 m/sec vorhanden war; doch ist diese letzte Messung quantitativ 
nicht so sichergestellt, Der Durchmesser des Cumulusturms kann nur wenige 100 m, 
wahrscheinlich 200—300 m, höchstens aber 500 m betragen haben. Genaue Tem- 
peraturmessungen konnten nicht angestellt werden, da kein Aspirator mitgenommen 
worden war, 
In einem beachtenswerten kleinen Aufsatz schreibt Köppen’) über „aktive 
und passive Teile im Cumulus“. Er sieht den Cumulus als Vorstoß der feuchten 
kondensierenden Luftmassen in warme trockene an und sagt dann: „Spring- 
brunnengleich werden die Gipfel der Cumuli durch eine unter ihnen 
liegende Ursache hervorgerufen.“ 
Diese erste Ursache ist zweifellos eine thermodynamische. Sie liegt in der 
Überhitzung unterer, örtlich begrenzter Luftmassen über einem bestimmten Gelände 
oder über einer Unstetigkeit im unteren Luftmeer; dieser letzte Fall ist sogar 
der allgemeinere, denn Cumulusbildungen finden sich normalerweise auch z. B. 
über dem gleichförmigen Ozean, wenn sie auch dort nicht so große Dimensionen 
erreichen, 
Zu dieser ersten Ursache kommt dann die Wirkung der von A. Wegener 
angegebenen, mit der freiwerdenden Kondensationswärme in Zusammenhang 
stehenden Turbulenzenergie, welche die eingeleiteten Vertikalbewegungen zu den 
heftigsten Vertikalströmen und -böen werden läßt. Die Energie dieser Vertikal- 
ströme steigt schnell bis zum Maximum der Cumulusbildung, dem letzten Zustand 
des aktiven Cumulus; für einen Augenblick sind dann die dynamischen und die 
entgegenwirkenden statischen Reibungs- und Widerstandskräfte im Gleichgewicht, 
bis die letzteren die Cumulusenergie aufgezehrt haben. Der Cumulus geht in die 
passive Form über, ; 
Unser obiges Beispiel zeigt uns die Energie noch im aktiven Cumulus, die 
durch einen Aufstrom von mindestens 6 m/sec Geschwindigkeit in seinem Innern 
und 4.7 m/sec im Mittel zwischen 1400 m und 2500 m Höhe charakterisiert ist. 
Dabei war die Wetterlage normal ohne Neigung zur Bildung von Gewitterwolken. 
Sowohl für die Wissenschaft wie für die praktische Luftfahrt haben solche 
Naturerscheinungen und besonders ihre quantitativen Feststellungen hohen Wert: 
Kern und Kunst des Segelfluges ist es, Aufströme im Luftmeer im großen 
und im kleinen aufzufinden und auszunutzen, Dem Segelflieger Max Kegel 
gelang dies im besondern Maße kürzlich, am 12. August 1926, in der‘ Röhn, wo 
er in von niemand geahnter, Staunen erregender Weise den Aufstrom so aus- 
nutzte, daß er den bisher weitesten Segelflug Nehring’s mit 24 km um mehr 
als das Doppelte schlug und mit 55 km den Segelflug-Strecken-Weltrekord er- 
rang. Es war ein Sieg des Sports, der Persönlichkeit, der Wissenschaft und 
der Technik, des Schweißes der Edelsten wert, auch wenn solche Errungenschaft 
einmal mit dem größten Opfer erkämpft werden sollte. 
Ganz anders liegt es im öffentlichen verantwortlichen Luftverkehr. Hier 
geht die Sicherheit allem voran. Der Luftfahrzeugführer und der beratende 
Meteorologe wissen und müssen wissen, daß die Vertikalenergien in Böen und 
Gewitterwolken so groß werden können, daß diese selbst dem stärksten Flugzeug 
zum Verhängnis werden können, wenn es nicht vermöge seiner größeren Ge- 
schwindigkeit den besseren Teil der Tapferkeit erwählt und davonfliegt oder 
landet. 
4) Meteorolog. Zeitschrift 1916, S. 421.
	        
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