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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 54 (1926)

Baschin, O.: Das Schäumen des Meerwassers, 
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sich dann in unveränderter Form mit konstanter Geschwindigkeit fort und werden 
von Helmholtz als stationäre Wogen bezeichnet, da sie, auf ein Koordinaten- 
system bezogen, welches selbst mit den Wellen fortrückt, eine stationäre Bewegung 
der beiden Medien darstellen. Auf derartigen Wogen kommt es theoretisch nicht 
zur Schaumbildung, aber es ist klar, daß ein solches stationäres Wogensystem 
sich nur dann bilden und von Bestand sein kann, wenn der Wind geraume Zeit 
hindurch mit derselben Stärke und aus derselben Richtung weht, was wohl nur 
in Ausnahmefällen vorkommen dürfte. Nur selten werden wir überhaupt auf dem 
Meere ein einziges Wellensystem finden, denn jede kleinste Änderung der Richtung 
oder Geschwindigkeit des Windes bedeutet den Beginn der Entstehung eines neuen 
Wogensystems, so daß wir es in der Natur fast stets mit einer Meeresoberfläche 
zu tun haben, deren Form das Resultat vielfacher Interferenzen ist. Dies geht 
auch deutlich aus den nach stereophotogrammetrischen Aufnahmen konstruierten 
Höhenschichtenkarten der Meeresoberfläche hervor, deren erste von Ernst Kohl- 
schütter entworfen und im zwölften Heft der „Meereskunde“ (Berlin 1907, S. 11) 
veröffentlicht worden ist. 
Diese Interferenzen geben nun zu einer Schaumbildung Veranlassung, für 
welche ebenfalls die Helmholtzsche Theorie eine Erklärung bietet. Wenn nämlich 
die maximale Wellenhöhe, die dem gerade herrschenden Winde entspricht, durch 
Übereinanderlagerung zweier sich kreuzender Wellensysteme überschritten wird, 
so verlangt die Theorie eine Unterbrechung der Linie des Wellenprofils an der 
höchsten Stelle. In der Natur stellt sich dieser Vorgang so dar, daß die Wellen- 
kämme sich nach oben zuspitzen und schließlich der Zusammenhang der Ober- 
fläche auf dem Gipfel des Wellenberges zerreißt. Die Wassermasse müßte nämlich 
nach den Ausführungen von Helmholtz eine Form annehmen, die durch zwei 
Hyperbeläste begrenzt wird, wie ich dies in einer früheren Arbeit über die Ent- 
stehung wellenähnlicher Oberflächenformen (Zeitschrift der Gesellschaft für Erd- 
kunde zu Berlin, 1899, Bd. 84, S. 408—424) näher ausgeführt habe. Eine solche 
nach beiden Seiten überhängende, labile Form des Wellenberges muß natürlich 
sofort zusammenbrechen und wird ein Aufschäumen des Wellengipfels zur Folge 
haben. 
Hierbei kommt jedoch nicht eine so intensive Durchmischung des Meerwassers 
mit Luft zustande wie bei den vorher geschilderten Entstehungsarten des Schaumes, 
Es handelt sich mehr um ein Aufspritzen, und der Schaum vergeht auch ziemlich 
schnell wieder. Eine Photographie dieses Typus findet sich im National Geographic 
Magazine, August 1925, S. 168. Man kann solchen „Spritzschaum*“ bei der Inter- 
ferenz der Heckwellen zweier sich begegnender Dampfer oft sehr gut beobachten. 
Besonders interessant gestaltet sich die Erscheinung, wenn auf offener See sich 
kreuzende Wellensysteme an jeder Interferenzstelle zweier Wellenberge solchen 
Schaum emporspritzen. Von einem höheren Standpunkt aus, am besten vom Mast, 
sieht man dann die Wasserfläche in Vierecke geteilt, an deren Ecken es auf- 
spritzt, und dieses ganze System verschiebt sich mit dem Fortschreiten der beiden 
Wellenzüge. Die Erscheinung ist meines Wissens anderweitig nicht beschrieben 
worden, dürfte aber nicht allzu selten sein, denn ich habe sie, allerdings in sehr 
verschiedenem Ausmaß, in der Davis-Straße, im Barentsmeer, vor der atlantischen 
Küste Marokkos und im östlichen Mittelmeer beobachtet. 
4, Bei heftigem Sturıi werden nicht nur an den Wellenkämmen, sondern auf 
der ganzen Oberfläche des Meeres kleine Wasserteilchen vom Winde abgerissen 
und fortgeweht, so daß die Schaumbildung nicht auf einzelne Stellen beschränkt 
ist, vielmehr bei orkanartigen Winden das ganze Meer eine einzige schäumende 
Masse bildet. Dieser „Orkanschaum“ ist ganz besonders deutlich auf der wunder- 
vollen, von Franz Graf von Larisch-Moennich aufgenommenen Photographie 
zu sehen, die er als Bild 66 seines Werkes „Sturmsee und Brandung“ (Bielefeld und 
Leipzig, 1925) veröffentlicht hat, das auch vorzügliche Abbildungen anderer 
Arten von Wellenschaum sowie eine Menge zuverlässiger Beobachtungen über 
dessen Bildung enthält. 
Es braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß die ver- 
schiedenen Schaumarten vielfach miteinander vergesellschaftet vorkommen, Ins-
	        
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