Ann. d. Hydr. usw., LIV. Jahrg. (1926), Heft IX.
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Das Schäumen des Meerwassers.
Von Otto Baschin.
Die am meisten in das Auge fallende Eigenschaft des Meerwassers ist die
Leichtigkeit, mit der sich auf ihm Schaum bildet, der nicht die Vergänglichkeit
des auf Süßwasser entstandenen Schaumes hat, sondern längere Zeit erhalten
bleibt. Über die Ursachen der Bildung und die Einzelheiten der Entstehung
dieses Meerwasserschaumes scheint nur wenig gearbeitet worden zu sein, Schaum
ist nach der, in der Kolloidchemie üblichen Terminologie ein disperses Gebilde,
bei welchem das Dispergens flüssig, das Dispersum gasförmig ist. Der Dispersitäts-
grad ist beim Meerwasserschaum so gering, daß die heterogene Natur stets mit
bloßem Auge wahrgenommen wird. Das Meerwasser, dessen ganz weißer Schaum
für die Wellenkämme durchaus charakteristisch ist, muß also Stoffe gelöst halten,
welche zähe Oberflächenhäutchen bilden. Ob die gelösten Salze allein diese
Schaumbildung veranlassen, oder ob es das Fett aus zerstörtem Plankton ist, das
mit den Alkalien des Seewassers verseift wird, wie Natterer annimmt, läßt auch
Otto Krümmel in seinem Handbuch der Ozeanographie (2. Aufl, Bd. I, Stutt-
gart 1907, S. 283) noch dahingestellt, Jedenfalls scheint mit höherem Salzgehalt
eine stärkere Schaumbildung Hand in Hand zu gehen.
Die Beständigkeit des Meerwasserschaums, die auf eine recht große Ober-
flächenzähigkeit hindeutet, zeigt sich nicht nur an den zusammengeballten
Schaummassen, die man nach stärkerem Seegang überall an den Küsten findet,
sondern sie kommt auch in jenen Schaumbändern zum Ausdruck, welche J,. W.Sand-
ström in seiner Arbeit „Deux thE&ore&mes fondamentaux de la dynamique de la
mer“ (Ur Svenska hydrografisk-biologiska Kommissionens Skrifter, VIL 6 Seiten)
beschrieben und abgebildet hat. Es handelt sich bei einem solchen Schaumband
um die obere Grenzlinie einer in die Tiefe gehenden Diskontinuitätsfläche, längs
welcher auf beiden Seiten Wasser absinkt, das an der Oberfläche einerseits vom
Lande, andererseits von der offenen See heranströmt. Der herangeführte Ober-
flächenschaum kann nicht mit hinabgezogen werden und häuft sich daher bei
der Trennungslinie an.
Die Hauptbildner des Schaumes sind die Wellen des Meeres und somit
letzten Endes der Wind. Aber man kann doch mehrere Arten der Schaum-
bildung unterscheiden, deren Verschiedenheit sich jedem Seefahrer aufdrängt,
der diese Erscheinungen mit Anteilnahme verfolgt.
1. Am auffälligsten und bekanntesten ist der „Brandungsschaum“ an Küsten,
dessen Erklärung auch am einfachsten ist. Denn es leuchtet ein, daß die in
einem Wellenberg heranjagende Wassermasse ihren Zusammenhang verlieren
und in Gischt zerstäuben muß, wenn sie auf ein festes Widerlager stößt.
2. Aber auch auf hoher See, wo von einem Hindernis keine Rede sein kann,
trägt der obere Teil der Wellenberge häufig Schaumkronen. Sie sind dann ein
Anzeichen dafür, daß die Wellen bis dahin nicht die Geschwindigkeit erreicht
haben, die ihnen bei der herrschenden Windstärke eigentlich zukommt, daß sich
also noch kein stabiler Gleichgewichtszustand ausgebildet hat. Der Wind ist
eben erheblich schneller als die Wellen und wirft die Gipfel ihrer Kämme, an
denen er am besten angreifen kann, nach vorn über. Bei dem Überstürzen der
Wellenkämme tritt eine intensive Mischung mit der Luft ein, und der auf solche
Weise entstandene „Windschaum“ bleibt häufig in Streifen auf dem Wasser
liegen, noch lange nachdem der Seegang aufgehört hat,
In analoger Weise muß ein Aufschäumen der Wellen auftreten, wenn der
untere Teil in seiner Bewegung verlangsamt wird, wie es bei Untiefen oder in
der Nähe der Küste der Fall ist. Hier behält der obere Teil seine größere Ge-
schwindigkeit bei und stürzt über den unteren, verlangsamten hinweg, ein Phänomen,
das man beim Auflaufen der Wellen auf einen flachen Strand regelmäßig beob-
achten kann. Dabei bildet sich im Moment des Überschlagens oft eine horizontale
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