Sterneck, R.: Harmonische Analyse und Theorie der Gezeiten des Schwarzen Meeres. 291
zelnen Station einander gleich sein sollten, nicht verhältnismäßig so gut miteinander
übereinstimmen.
Als die vorliegende Arbeit bereits im Druck war, erhielt ich von Herrn Prof,
Orloff noch die briefliche Mitteilung, daß er die beiden vollständigen Jahrgänge
1917 und 1919 der Beobachtungen in Poti der harmonischen Analyse unter-
worfen und im Mittel folgende Amplituden (in em) und Kappazahlen erhalten hat:
M, & N K KK, P o
H 2,92 1.24 0.55 0.46 1.46 0.49 0.87
x 291° 297° 287° 292° 279° 271° 273°,
Kleine Abweichungen von den in der Tabelle 1 verzeichneten, aus bloß halb-
jährigen Beobachtungen gefundenen Werten zeigen sich bei N, K, und P. In
Tabelle 4 konnte ich bei der Korrektur noch die von Prof, Orloff mitgeteilten
Werte (bezüglich K,) einsetzen, wodurch die Übereinstimmung mit der Theorie
noch verbessert wurde.
Il. Die Kanaltheorie, In der Abh. [1] hatte ich die Eigenperiode von Ost—
West-Schwingungen des Schwarzen Meeres nach der japanischen Methode mit
4.98 Stunden (also fast genau 5 Stunden) berechnet. Mit Hilfe dieses Wertes
berechnete ich dann in der Abh, [2] die Ost—West-Schwingungen nach der Kanal-
theorie, indem ich die zur Zeit der Syzygien stattfindenden Neigungen der Niveau-
MNäche noch mit dem „Trägheitsfaktor“ LE wo 5 = 5.0 Stunden die
Eigenperiode des Beckens, T = 12.8 Stunden die Periode der einwirkenden Kraft
bedeutet, multiplizierte und die hydrodynamischen Differentialgleichungen unter
möglichst genauer Berücksichtigung der Gestaltverhältnisse numerisch integrierte.
Es ergab sich ein nahezu linearer Amplitudenverlauf und eine gute Überein-
stimmung mit den damals bekannten Beobachtungsdaten‘),
{11. Die schematische Theorie. Bei der Kleinheit der Dimensionen des Schwarzen
Meeres kann man, ohne einen nennenswerten Fehler zu begehen, annehmen, daß
die fluterzeugenden Kräfte auf alle Wasserteilchen synchron einwirken, In der
Abh, [3] habe ich unter dieser Annahme die hydrodynamische Theorie der Gezeiten
des Schwarzen Meeres in schematischer Weise entwickelt, indem ich es durch ein
unter der mittleren Breite gı == 43° gelegenes rechteckiges Becken konstanter Tiefe
ersetzte. Als Länge wurde 1000 km, als Breite 500 km angenommen, während
die konstante Tiefe mit 1259.25 m so gewählt wurde, daß die Eigenperiode von
Ost—West-Schwingungen dieses regelmäßigen Beckens genau 5.0 Stunden betrug,
also mit der Eigenperiode der Ost-—West-Schwingungen des Schwarzen Meeres
Lbereinstimmte?). Es ließen sich dann leicht folgende vier Schwingungen genau
berechnen: 1. Die durch die Ost—West-Komponente der fluterzeugenden Kraft
erzeugte Ost—West-Schwingung, 2%. die durch die Nord—Süd-Komponente der
fluterzeugenden Kraft erzeugte Nord—Süd-Schwingung, 3. die durch die Ein-
wirkung der ablenkenden Kraft der Erdrotation auf die sich bei der Schwingung 1
in der Ost—West-Richtung periodisch verschiebenden Wasserteilchen hervor-
gerufene Nord—Süd-Schwingung, in ihrer Phase um ein Viertel der Periode
gegen die Schwingung 1 verschoben, 4. die in analoger Weise durch die Ein-
wirkung der Erdrotation auf die Schwingung 2 hervorgerufene Ost— West-
Schwingung.
Diese „Theorie der vier Schwingungen“ wurde zunächst für die ver-
einigten Tiden M, und S, zur Zeit der Syzygien durchgeführt und ergab in
der Mitte des West- und Ostrandes des Beckens eine theoretische Amplitude von
4.6 cm, in der Mitte des Nord- und Südrandes 1.1 cm, ferner einen Verlauf der
Flutstundenlinien, wie er in Fig. 1 dargestellt ist. Die an den Kurven angeschriebenen
Zahlen bedeuten theoretische Hafenzeiten in der Einheit 1.025 Stunden und be-
zogen auf den Meridian 34.2° ö. v, Gr. In dieselbe Figur sind auch die beobachteten
*) Herr J. W. Kurtschatoff, der in seiner Arbeit „Seiches im Schwarzen und Asowschen Meer“
(russisch; Nachrichten des Zentralbureaus für Hydrometeorologie, Heft 4 [1924]; Referat von H. Thorade,
Ann. d. Hydr. 1925, $. 3381.) die Amplitude der Ost—VWest-Schwingungen nach einer schematischen
Formel berechnet, läßt die Gestaltverhältnisse dabei unberücksichtigt,
2) Die wahre mittlere Tiefe beträgt 1265.7 m (Abh, [1], S. 319), stimmt also mit dem hier an-
venommenen Werte fast vollständig überein.