278 Annalen der Hydrographie and Maritimen Meteorologie, Juli 1926,
Werte der Ablenkung wie der Bremsung nur von der Lage einer Station zur
Küste abhängen, daß sich also tatsächlich für die bearbeiteten Stationen der Ein-
fuß des Reibungsunterschiedes noch im Mittel mehrjähriger Beobachtungen aus
allen Jahreszeiten nachweisen läßt.
Ein Vergleich der Kurven für die Ablenkung mit denen für die Bremsung
zeigt im allgemeinen gleichen Gang beider Kurven, d. h. mit wachsender Brem-
sung wächst auch die Ablenkung, Ausnahmen sind Nesserland, Glückstadt und
vor allem Löningen, das bei ganz aus dem Rahmen fallender Größe der Bremsung
eine geringere Ablenkung als seine Nachbarstationen hat.
Um ein Bild von den mittleren Strömungsverhältnissen zu erhalten, wurden
nun die mit Hilfe der Ablenkung und der Bremsung bestimmten Windpfeile in
das Stationsnetz eingetragen und Strömungskarten gezeichnet, von denen hier
diejenigen für N, NNW und NW wiedergegeben sind (Karten 2 bis 4 auf Tafel 17).
Das auffalilendste Ergebnis, das bei allen Karten übereinstimmend wiederkehrt,
ist eine west-Östlich gerichtete Konvergenz-Divergenz-Linie, die in erheblichem
Abstand landeinwärts von der friesischen Küste verläuft. Was bedeutet diese
Linie?
Wenn die Luftströmung vom Meer auf das Land übertritt, so erfahren in-
folge der vermehrten Reibung die untersten Luftschichten eine Verlangsamung,
es strömt einem Querschnitt also mehr Luft zu, als von ihm abströmt, Die Folge
muß sein, daß das überschießende Luftquantum nach oben ausweicht, es bildet
sich ein Wirbel mit horizontaler Achse, über welchem die gesamte Strömung eine
Hebung erfährt. Erst in größeren Höhen nehmen die Stromlinien allmählich
wieder geraden Verlauf an, Die Konvergenz-Divergenz-Linie am Boden deutet
das Ende der aufsteigenden Luftbewegung an, dem sich als Ausgleich eine abwärts
gerichtete Bewegung unmittelbar anschließt,
Daß sich beim Übergang vom Meer auf das Land ein solcher Wirbel
bildet, ist lange bekannt, Das überraschende bei den vorliegenden Strömungs-
karten ist aber die Tatsache, daß die Grenze der aufsteigenden Bewegung so weit
Jandeinwärts liegt, während man sie bisher dicht hinter der Küste angenommen hatte,
Der Versuch, diese Strömungsverhältnisse durch Vergleich der Höhenwind-
messungen einer Küstenstation (Altenwalde) mit denen von Landstationen (Groß-
borstel und Bremen) unmittelbar nachzuweisen, ist wegen des unzureichenden
Beobachtungsmaterials leider nicht gelungen. Die Ergebnisse waren zwar nicht
ungünstig, die Anzahl vergleichbarer Beobachtungen in den kritischen Höhen aber
so gering, daß ihnen keine Beweiskraft zugesprochen werden kann. Immerhin
scheint es aber, als ob bei den Landstationen häufig ein Windsprung in 2000
bis 2500 m Höhe stattfindet, während für den Küstenwirbel bisher geringere Höhen
festgestellt worden sind.
Unter diesen Umständen kann man sich vielleicht folgendes Bild von den
Vorgängen machen. Wenn eine Luftströmung vom Meer auf das Land tritt, 86
bildet sich zunächst unmittelbar an der Küste oder an der Inselkette ein Wirbel
von geringerer Höhe und Ausdehnung, dessen Wirkung sich vermutlich noch eine
Strecke seewärts bemerkbar macht. Daran anschließend treten landeinwärts
weitere Wirbel von größerer Ausdehnung und Höhe auf, bis schließlich die durch
den Reibungsunterschied hervorgerufene Störung ausgeglichen ist, Im Mittel]
summieren sich die Einzelwirbel zu dem in den Strömungskarten durch die Kon-
vergenz-Divergenz-Linie angedeuteten stationären Wirbel.
Es ist klar, daß diese Wirbelbildungen auch auf die Windgeschwindigkeit am
Boden teile verzögernd, teils beschleunigend einwirken müssen, Besonders da,
wo die bisher ungehinderte Strömung zum erstenmal auf das Landhindernis trifft,
also an der Luvseite der Inseln oder an der Küstenlinie werden sich solche Wir-
kungen bemerkbar machen, Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt noch
einmal die Kurven, welche den Zusammenhang zwischen der Entfernung vom
Feuerschiff und der Bremsung darstellen, so wird es verständlich, daß die küsten-
nahen Orte Jever, Cuxhaven, Nesserland nicht der allgemeinen Gesetzmäßigkeit
folgen, sondern daß bei ihnen Störungen auftreten, die unter sich wieder durch
die Parabel K gesetzmäßig verbunden zu sein scheinen,