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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 54 (1926)

262 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1926, 
worden ist, und wenn die Gesetze der inneren Reibung (der Turbulenz) im Meere 
bekannt sind, so ist es grundsätzlich möglich, die Bewegung des Wassers in allen 
Orten und in allen Tiefen zu berechnen. Dabei ist zu bemerken, daß die Form 
der Meeresoberfläche durch direkte Beobachtungen nicht (jedenfalls nicht mit 
auch nur annähernd ausreichender Genauigkeit) ermittelt werden kann. Sie muß — 
unter Voraussetzung stationärer Verhältnisse — aus der Bedingung berechnet 
werden, daß jedes Meeresgebiet von den umgebenden Meeresteilen eine Wasser- 
menge empfängt bzw. an diese eine Wassermenge abgibt, die dem durch Ver- 
dunstung und Niederschlag verursachten Nettorerlust bzw, Nettogewinn entspricht. 
Die zu beantwortende Frage lautet nun: Kann man, ohne dadurch in einen be- 
trächtlichen Fehler zu verfallen, statt dessen die Meeresoberfläche so bestimmen, 
daß die Strömungen überall genau gleiche Wassermengen zu- und wegführen? 
Oder mit anderen Worten: ist es erlaubt, ein System von Stauströmen zu ver- 
nachlässigen, die durch die Bedingung bestimmt sind, daß sie die durch Ver- 
dunstung und Niederschlag verursachten Veränderungen der Meeresoberfläche 
rückgängig machen sollen ? 
Diese Frage ist deswegen von besonderer Bedeutung, weil es sich dabei um 
die schwer zu bestimmenden Tiefenströme handelt, Sind diese letzteren erst 
nach Richtung und Geschwindigkeit festgestellt, so ist es eine verhältnismäßig 
leichte Aufgabe — sel es durch Berechnung oder durch direkte Beobachtung —, 
die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den verschiedenen Niveaus der höher 
liegenden Schichten zu ermitteln. 
2. Auf den ersten Blick scheint es, als ob die aufgestellte Frage sehr einfach 
durch. einen mit Martin Knudsens hydrographischem Lehrsatze analogen Ge- 
dankengange in der folgenden Weise beantwortet werden könnte: Es muß im 
Meere sowohl bezüglich des Salzes als des Wassers ein Gleichgewichtszustand auf- 
rechterhalten werden. Von einem Salztransport durch die Meeresoberfläche oder 
durch den Meeresboden hindurch kann abgesehen werden, Infolgedessen muß 
bezüglich des durch die Meeresströmungen bewirkten Salztransportes das (kesetz 
gelten, daß für jedes einzelne Meeresgebiet Zufuhr und Abfuhr einander gleich 
sind. Da nun die verschiedenen Ströme innerhalb eines einheitlichen Meeres- 
gebietes an Salzgehalt tatsächlich nur um einen sehr kleinen Bruchteil voneinander 
abweichen, so schließt man weiter — wenn für die Verbindungsstraßen zwischen 
Meeresräumen mit wesentlich verschiedenen Salzgehalten eine Ausnahme gemacht 
wird —, daß die zugeführten und die weggeführten Wassermengen selber einander 
annähernd gleich sein müssen. Endlich liegt es nahe, hieraus die Folgerung zu 
ziehen, daß die Änderungen, die die Geschwindigkeit erfahren müßte, um Zufuhr 
und Abfuhr genau gleich zu machen (also die Geschwindigkeiten der erwähnten 
Stauströme), im Verhältnis zu den tatsächlich beobachteten Stromgeschwindig- 
keiten gering sein müssen, 
Eine solche. Schlußweise würde in der Tat richtig sein, falls der Winkel 
zwischen der Stromricehtung und der Grenzlinie des betrachteten Meeresgebiets 
für die tatsächlichen und für die gedachten, abgeänderten Ströme sowie an allen 
Orten und in allen Tiefen gleich groß wäre. Diese Bedingung kann aber nicht 
erfüllt sein; der letzte der obigen Schlüsse ist daher ungültig. 
Um trotzdem für die Größenordnung der bezüglichen Stausträme eine obere 
Grenze zu finden, habe ich in einem „Entwurf zu einer einheitlichen Theorie der 
Meeresströmungen“ ) auf anderem Wege eine vorläufige Berechnung vorgenommen, 
Dabei wurde eine von zwei Parallelkreisen und in Ost und West von den Kon- 
tinenten begrenzte Zone des Atlantischen Ozeans in Betracht gezogen, und zwar 
eine Zone, wo die Verdunstung die Summe von Niederschlag und Flußwasser- 
zufuhr übersteigt. Der Unterschied muß durch Stauströme über die Nord- und 
Südgrenzen der Zone hinzugeführt werden, und es wurde angenommen, daB hier 
das Oberflächengefälle zu den Grenzlinien senkrecht gerichtet ist, so daß der 
Ersatz für das zur Atmosphäre abgegebene Wasser vom Bodenstrome allein und 
nicht vom Tiefenstrome geleistet wird, 
2) Utkast till en enbetlig havsströmsteori, S. 20. Inbjudningsskrift till Filosofie doktorspromö- 
tionen 1 Lund 81 Maj 1924, Land 1924,
	        
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