Ann. d. Hydr. usw. LIV. Jahrg. (1926), Heft VII.
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Gerhard Schott: Geographie des Atlantischen Ozeans.
Von W. Meinardus,
Einer Neuauflage von Schotts Geographie des Atlantischen Ozeans!) die zu-
erst 1912 erschienen und nun schon seit einigen Jahren vergriffen ist, hat man
in wissenschaftlichen und nautischen Kreisen mit Spannung entgegengesehen. Das
jetzt in neuem Gewande (auch in neuen, modernen Schrifttypen) vorliegende Werk
zeigt, daB die Meereskunde im letzten Jahrzehnt, trotz der Kriegsnöte und ihrer
Folgen, gerade im Gebiet des Atlantischen Ozeans wesentliche Fortschritte gemacht
und daß die Bedeutung dieses Weltmeeres durch die politischen Ereignisse und
die wirtschaftliche Entwicklung der jüngsten Vergangenheit noch wesentlich ge-
wachsen ist. Der Verfasser, der als Ozeanograph der Deutschen Seewarte ja 8O-
zusagen an der Sammelstelle aller Nachrichten steht, die vom Weltmeere kommen,
hat es sich angelegen sein lassen, dieser neuen Entwicklung Rechnung zu tragen,
soweit es Umfang und Zweck seines Werkes nur irgendwie zuließen, In mancher
Richtung geht deshalb die jetzige Darstellung über den in der ersten‘ Auflage
gespannten Rahmen noch hinaus, und auch die Anordnung des Stoffes ist hier
und da nach den Anregungen verändert worden, die aus der Kritik der ersten
Auflage stammten. Einige Kapitel sind neu hinzugekommen, wie z. B. die über
die Gezeitenerscheinungen, über Küsten und Häfen, über die wirtschaftlichen und
geopolitischen Fragen, die gerade in den letzten Jahren in den Vordergrund des
Interesses getreten sind. Auch an den zahlreichen Kartenbeilagen bemerkt man
oft die bessernde Hand des Verfassers. Neu bearbeitet und erweitert ist ferner
das Kapitel über „Das Leben im Atlantischen Ozean“; sein Verfasser ist der durch
seine meeresbiologischen Forschungen bekannte Hamburger Professor Hentschel.
Die Ausstattung des Buches verdient besondere Anerkennung, sie übertrifft u. a.
durch Beigabe zahlreicher photographischer Aufnahmen noch die erste Auflage,
Als Titelbild ist wieder ein Gemälde von Schnars-Alquist reproduziert: Sturm-
nacht im Nordatlantischen Ozean, gleichsam ein Sinnbild der bewegten Zeiten,
denen zum Trotz das Werk von neuem erscheinen konnte. Ohne die Unter-
stützung der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“, für die sich deren
Präsident Staatsminister a. D. Schmidt-Ott und Prof. F. Haber besonders ein-
gesetzt haben, wäre die Herstellung der Neuauflage nicht möglich geworden.
Wenn ich im folgenden versuche, einige von den wesentlichen Änderungen,
welche die Neuauflage aufweist, anzuführen und gelegentlich einige kritische
Bemerkungen anzuschließen, so bin ich mir wohl bewußt, daß ich damit nur einen
unvollkommenen Eindruck geben kann von der gewaltigen Arbeit, die in diesem
Werk, das schon bei seinem ersten Erscheinen als ein Standardwerk bezeichnet
worden ist, verborgen liegt. Daß es aber überhaupt seinem Verfasser möglich
war, eine so eingehende abgerundete Darstellung eines einzelnen Ozeans zu geben,
ist, das möchte ich gerade an dieser Stelle besonders rühmend hervorheben, im
Grunde genommen nicht zum wenigsten das Verdienst aller derjenigen, deren
Beruf sie auf das Meer hinausführt und die auf ihren Fahrten über den Ozean
die große Mühe auf sich nehmen, die Erscheinungen an- der Oberfläche des Meeres
und in der Luft über ihm nach einheitlichen Vorschriften dauernd zu beobachten.
Das Material, das durch solch freiwillige Arbeitsleistung in der Deutschen See-
warte zu Hamburg wie auch an verwandten Instituten des Auslandes zusammen-
gekommen ist, bildet ja den wertvollsten Grundstock zu unseren Kenntnissen von
Aer Natur der Meeresräume. So dürfen die an den Beobachtungen beteiligten
Seefahrer mit Genugtuung bei der Lektüre des Schottschen Werkes feststellen,
daß seine Quellen auch dort, wo es nicht ausdrücklich gesagt wird, in wesent-
lichen Abschnitten auf ihre Mitarbeit zurückgehen,
Selbstverständlich hat der Verfasser im Kapitel über die Erforschungs-
geschichte des Ozeans auch die wissenschaftlichen Expeditionen erwähnt, die
seit dem Erscheinen der ersten Auflage (1912) tätig gewesen oder deren Er-
1) XYI, 368 S,, 1 Titelbild, 27 Taf., 115 Fig. im Text. C. Boysen, Hamburg 1926. Preis 40 RM.
Ann. d. Aydı. usw, 1926, Heft VII.