Schostakowitsch, W. B.: Über den Auf- und Zugang der Flüsse. 197
Relativ große Stromgeschwindigkeit verzögert mechanisch das Gefrieren des
Flußwassers. Zur Prüfung dieser Annahmen sind die 30jährigen Wasserstands-
messungen der Wolga bei Kasan und der Nord-Dwina bei Ust-Pinega ver-
wandt worden (Tabelle 4) sowie die 38jährigen der Angara bei Irkutsk (Tabelle 5).
Den in diesen Tabellen angegebenen Kältesummen liegen die meteorologischen Beob-
achtungen von Kasan, Archangelsk (z. T. Petrosawodsk) und Irkutsk zugrunde, Unter
Wasserstand ist für die Wolga und Nord-Dwina das Mittel des Niveaus in den
L0 Tagen vor dem Zufrieren vermerkt, für die Angara, deren Stand sich
nur allmählich ändert, das mittlere Dezember-Niveau, 2
Tabelle 4 (Wolga und Nord-Dwina) zeigt deutlich den nahen Zusammenhang
zwischen Wasserstand und Kältesumme. Tabelle 5 gibt die betreffenden Werte
der Angara für den Zeitraum 1887 bis 1924 wieder. Um angenähert die Größe
der Abweichung der graphisch ermittelten (siehe weiter unten) von den beob-
achteten Kältesummen in Tagen zu bestimmen, sind die in Graden ausgedrückten
Abweichungen der Kältesummen (d) durch die mittlere Lufttemperatur der Monate
Dezember und Januar (—20.0°) geteilt worden (Tabelle 5, letzte Spalte). Die
mittlere Abweichung zwischen der beobachteten und der mittels der graphischen
Darstellung berechneten Zahl der Tage zwischen dem Eintritt der mittleren Luft-
temperatur von 0° und dem Zugang der Angara beträgt im Durchschnitt 4.1 Tage,
Dieser Wert verringert sich noch erheblich, wenn man der Berechnung nicht das
Monatsmittel der Lufttemperatur zugrunde legt, sondern die wirklich beobachteten
täglichen Temperaturen verwendet; für die zwanzigjährige Periode 1887 bis 1906
erhalten wir dann als durchschnittliche Abweichung nur 3.2 Tage, Weiterhin habe
ich noch die Beobachtungen auf Zahlengruppen verteilt, und zwar 8o, daß alle
Kältesummen von 900 bis 999°, von 1000 bis 1099° usw. zusammengestellt und für
jede Gruppe der mittlere Wasserstand und die mittlere Kältesumme berechnet
worden ist, Die graphische Darstellung des Ergebnisses ließ erkennen, daß das
Verhältnis des Wasserstandes zur Zugangs-Kältesunmme durch eine gerade Linie
ausgedrückt wird. Die Werte der Tabelle 6 sind der graphischen Darstellung
entnommen.
Tabelle 6. (Angara.)
Wasserstand, Kältesumme. Wasserstand, Kältesumme. Wasserstand. Kältesumme.
413-4 0.1 m 810° 413 + 0.5 m 11559 413 +09 m 14059
0.2 m 970° 9.6 m 1215° 10m 1465°
0.3 m 1030° 0.7 m 12809 1ım 1530°
0.4 m 1095° 0S m 1340° 12m 15909
Ich habe den Eindruck, daß in den Wechselbeziehungen die Strömungs-
geschwindigkeit, die mit dem Wasserstand zunimmt und das Gefrieren des
Wassers verzögert, die Hauptrolle spielt,
Die Wechselbeziehungen weisen auch auf die wunderbar komplizierte Ab-
hängigkeit hin, die in den einzelnen Naturerscheinungen zum Ausdruck kommt.
Ein mehr oder weniger zyklonales Wetter, das im Sommer erhebliche Nieder-
schläge mit sich bringt, spricht schon im voraus für spätes Gefrieren der Flüsse,
weil erhöhte Niederschläge höheren Wasserstand im Gefolge haben und dieser eine
vergrößerte Zugangs-Kältesumme bedingt,
Der enge Zusammenhang zwischen‘ dem Wasserstand der Flüsse und ihrer
Zugangs-Kältesumme ermöglicht sowohl einen Einblick in Erscheinungen der Ver-
gangenheit wie einen Ausblick in die Zukunft, Aus der Chronik von Irkutsk
wissen wir; daß in den Jahren 1751, 1783, 1830 und 1869 der Baikalsee und
die Angara ein überaus hohes Niveau hatten. Auf Grund .der obigen Aus-
führungen nun läßt sich die Vermutung aussprechen, daß während einer Reihe
von Jahren nach jenen abnormen für den Zugang der Angara besonders große
Kältesummen erforderlich gewesen sind, Die Richtigkeit dieser Vermutung be-
weisen indirekt die späten damaligen Zugangsdaten, Die Angara fror zu
1752 am 12, Februar. 1755 am 4. Februar. 1831 am 15. Januar.
1753 „ 283. Januar. 1784 „ 17. Januar. 1870 „ 15 m
1754 „ 1%. 2 «4 1785 „ 17.