156 Aunalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1926,
wir also eine spezifische Fleckenwirkung auf die Wetterrhythmen feststellen können,
so werden wir ähnliche Effekte stets auch in fleckenarmen Jahren beobachten,
aber sie werden dort eine verschwindende Rolle spielen, Auch der 55—60tägige
Rhythmus kommt zeitweise bei Sonnenruhe vor, aber dann ebenso wie der 45tägige
nur im Sommer. Diesem Umstand ist besondere Bedeutung beizulegen.
Das Auftreten neuer Rhythmen bei Fleckenreichtum, der „reinen Flecken-
rhythmen“, spricht nämlich dafür, daß die Sonnenflecken neben ihrem mittelbaren
Einfluß auf das Wetter (durch Intensivierung der allgemeinen Zirkulation} noch
eine andere, unmittelbare, also spezifische Wirkung ausüben. Diese Wirkung müßte
auf irgendeine, von den Flecken ausgehende Strahlung zurückzuführen sein. Wir
wollen uns hier in keinerlei Hypothesen einlassen, welcher Natur eine solche Strah-
lung sein dürfte, Wahrscheinlich wird sie mit den Koronastrahlen identisch sein,
Als erstes Argument für die Annahme einer unmittelbaren spezifischen Wirkung
der Sonnenflecken auf das Wetter kraft irgendwelcher Strahlen (diese Annahme
wird im folgenden zu stützen sein) ziehen wir jetzt die eben festgestellte Tatsache
heran, daß die reinen Fleckenrhythmen 45 und 55—60 hauptsächlich Sommer-
rhythmen sind und bei Fleckenarmut nur im Sommer auftreten. Wenn wir in
ihnen nämlich eine Fleckenwirkung sehen wollen, so folgt daraus, daß
eine solche bei Sonnenhochstand, also im Sommer, wahrscheinlicher
ist als bei Tiefstand im Winter,
Der Schluß auf eine spezifische Wettereinwirkung der Sonnenflecken liegt
nicht allzu fern, seit wir sie als Erreger von Polarlichtern, magnetischen Stürmen,
Cirren und Gewittern kennen. Er ist auch leider nicht mehr neu, Ich erwähne
nur zwei Autoren, die ihn durch Tatsachenmaterial zu beiegen suchten: Adolph
Lebrecht Fischer!) und Otto Frhr. von Aufseß”), Daß auch in Hörbigers
„Welteislehre“ diese Annahme eine große Rolle spielt, ist ja bekannt.
Unter Zugrundelegung dieser Annahme müßten die Wetterperioden bei Flecken-
reichtum entstehen: entweder durch ein Zusammenwirken der Fleckenstrahlung
mit der endogen-terrestrischen Atmung der Atmosphäre oder durch endogen-
solare Rhythmen in der Fleckentätigkeit selbst, Die erstere Eventualität wird
Platz greifen, wenn die unmittelbare Fleckenwirkung bloß eine auslösende ist, die
das Vorhandensein labilen Gleichgewichts in der Atmosphäre zur Voraussetzung
hat, um das Wetter stürzen zu können (z. B. Beschickung mit Kondensationskernen
oder Ionisation kann nur bei vorhandener Übersättigung der Luft Niederschlag
auslösen). Fänden wir andererseits im Wetterrhythmus den solaren
Rhythmus der Sonnenflecken wieder, so müßten wir dies als Beweis
dafür ansprechen, daß die Flecken selbstherrlich Weiterstürzeerzeugen
können und in ihrer Wirkungsmöglichkeit nicht auf die Auslösung vor-
handenen labilen Gleichgewichts angewiesen sind. Auch auf dem Wege
der mittelbaren Wirkung durch Änderung der Gesamtstrahlung ließe sich eine
Spiegelung der solaren Fleckenperioden im terrestrischen Wetterablauf nicht hin-
reichend erklären, Der Grund ist folgender:
Schließen wir eine unmittelbare Fleckenwirkung auf das Wetter aus, so er-
scheinen die im Wetter vorkommenden Rhythmen als eine Funktion jener Fak-
toren, von welchen der endogen-terrestrische Atmungsmechanismus bedingt wird
{Ausdehnung der Festländer und Meere, Jahreszeit, geographische Lage der
Station usw.) einerseits und des Betrags der „Solarkonstanten“ sowie der atmo-
sphärischen Strahlendurchlässigkeit andererseits, Innerhalb einer solaren Flecken-
periode würde die Solarkonstante ein relatives Maximum und Minimum durch-
laufen und die atmosphärische Atmung zeitweise beschleunigen und zeitweise ver-
zögern. Im Wetterablauf könnten dann doch immer nur die rein terrestrischen
Atmungsperioden, wenn auch verkürzt und verlängert, erscheinen, niemals aber
könnte die Fleckenvperiode selbst sich im Wettervrerlauf abbilden.
ı) Fischer: Die Sonnenflecken und das Wetter, Erfurt 1882,
2 Deutsches met. Jahrb, f. Bayern 1924, H. 1, und Das Wetter 1925 XI 8. 263,