Kleinere Mitteilungen.
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Bei den neueren deutschen Weltkarten, für deren Entwurf die Reisen der
Vermessungsschiffe „Galilee“ und „Carnegie“ sichere Grundlagen geschaffen haben,
sind solche Schnittpunkte vermieden worden, ein Vorgehen, das auch die Amerikaner
und die Engländer in ihren neueren Karten allmählich befolgt haben. Die amerika-
nische Karte für 1920 zeigt keinen Schnittpunkt mehr, die englische Karte für
1922 nur noch einen einzigen (Kreuzung der agonischen Linien im Süden von
China).
Diese letztere Karte enthält übrigens unter ihrem Titel noch ein Kärtchen
der Säkularvariation, in dem wiederum drei Schnittpunkte und sogar eine Gabelung
im Verlaufe der Linien gleicher jährlicher Änderung auftauchen, alles Fälle, die
sich wohl hätten vermeiden lassen. Irgendwelche zwingenden Gründe zu einer
derartigen Linienführung liegen jedenfalls nicht vor, . Burath,
5. Bemerkungen zu Sterneck: Zur Theorie der halbtägigen Gezeiten
Aes Atlantischen Ozeans, Prof. Sterneck hat die Frage, ob die Gezeiten des
Atlantischen Ozeans durch reine Längs- und Querschwingungen sich erklären
lassen, wie ich es angenommen hatte, neuerdings in Untersuchung gezogen, woO-
bei er festzustellen glaubt, daß die Beantwortung dieser Frage negativ ausfällt,
Hierbei kommt er aber selbst zur Feststellung, daß ein Teil, und zwar wohl der
wesentlichere, auf Längsschwingungen zurückzuführen ist. Ihre Berechnung be-
ginnt Sterneck erst bei der Amphidromie südlich von Island, indem er annimmt,
daß dort 7 = 0 ist. Die Annahme, daß die Amphidromie bei Island nur eine
lokale Erscheinung sei und dort eigentlich ein Schwingungsbauch von % liegen
müßte, steht doch im krassen Widerspruch mit den Beobachtungen, die gerade
dort die stärksten Gezeitenströmungen zeigen, Wenn man die Kanaltheorie zur
Erklärung der Gezeiten des Atlantischen Ozeans heranziehen will, muß man am
geschlossenen Ende des Kanals zu rechnen anfangen, und dieses liegt doch eher
an der Nordküste Amerikas als im offenen Meere bei Island,
Durch Annahme von % = 0 beim Querschnitt 7 ist die erste Amphidromie
(Knotenlinie) schon gegeben, aber nicht erklärt, Daß die ablenkende Kraft der
Erdrotation daraus eine Amphidromie formt, war schon bekannt, da bei der
Zerlegung der Beobachtungen in zwei Schwingungen mit vorgeschriebener Epoche
sie sich ja unbedingt ergeben muß. Südlich davon kann diese Zerlegung der
Gezeitenbeobachtungen keine Querschwingungen mehr ergeben, weil eben keine
Amphidromien vorhanden sind, was aber nicht theoretischen Erwägungen ent-
springt, sondern der reine Ausfluß der Beobachtungen ist. Zur Erklärung der
Spuren von Querschwingungen im äquatorialen Teil des Ozeans zwischen den
Querschnitten 12 und 32, wo die ablenkende Kraft der Erdrotation sehr klein
ist, nimmt Sterneck „Dreiecksschwingungen“ an, die ja auch nur Querschwin-
gungen sind, von den Spitzen des Dreiecks zu den gegenüberliegenden Seiten,
Zu ihrer Ausbildung ist aber unbedingt ein geschlossenes Dreieck, namentlich
an den Spitzen, notwendig, was aber bei der südlichen und bei der nordöstlichen
nicht der Fall ist. Warum an der Dreiecksschwingung, die sich hier ausbilden
soll, südlich davon diese Welle zu einer Längsschwingung wird, hat Sterneck
nicht erklärt. Ebenso nicht, warum im südlichen Atlantischen Ozean es zu keinen
Querschwingungen kommt, wenn solche im nördlichen sogar zu einer Amphi-
dromie führen.
In meiner früheren Arbeit nehme ich konsequenterweise für den ganzen Kanal
Querschwingungen an; die von der Erdrotation bedingten würden im südlichen
Atlantischen Ozean zu einer Amphidromie im Sinne des Uhrzeigers führen; zu
diesen Querschwingungen kommen aber noch Querschwingungen, die durch die
fluterzeugenden Kräfte hervorgerufen werden. Beide Gattungen von Querschwin-
gungen haben aber solche Phasen, daß sie sich fast vollständig aufheben, und
es bleibt eine mäßig modifizierte Längsschwingung übrig (Zusammendrängen der
Flutstundenlinien an der Stelle einer Knotenlinie).
Im Wesen sind demnach die halbtägigen Gezeiten des Atlantischen Ozeans
durch Längs- und Querschwingungen zu erklären; daß die Theorie bei den großen
Dimensionen des „Kanals“ alle Feinheiten der Beobachtungen wiedergibt, war von
vornherein nicht zu erwarten. A. Defant.