Jahresbericht der Deutschen Seewarte für 1928.
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A. Allgemeiner Teil.
I. Zur Geschichte der Deutschen Seewarte,
a) Allgemeines.
Krieg, Inflation, Finanzlage des Reiches und der dadurch bedingte Personal
abbau haben die Deutsche Seewarte in ihrer Arbeitsmöglichkeit schwer geschädigt.
Die an die Anstalt herantretenden Aufgaben haben sich aber infolge Fortschreitens
der Wissenschaft und Technik, Wachsens der deutschen Schiffahrt, Entwicklung
des Ozeanluftverkehrs gegen die Vorkriegszeit stark vermehrt. Das heutige Personal
ist zur Durchführung der Aufgaben unzulänglich, die Räumlichkeiten sind nicht
ausreichend und das Instrumentarium ist vielfach veraltet und ungenügend.
In Erkenntnis dieser Notlage der Deutschen Seewarte richtete der
XV. Deutsche Seeschiffahrtstag am 30. Juni 1928 folgende Entschließung an die
Reichsregierung:
„Der XV. Deutsche Seeschiffahrtstag stellt an die Reichsregierung die Forde
rung, der Deutschen Seewarte die Mittel zur Verfügung zu stellen, die eine
Durchführung der ihr gestellten Aufgaben gewährleistet. Der XV. Deutsche
Seeschiffahrtstag ist der Auffassung, daß die Deutsche Seewarte mit der heutigen
Zahl der Beamten und verfügbaren Mittel nicht die Ansprüche erfüllen kann,
die die deutsche Schiffahrt an dieses Institut stellen muß.“
Ferner beschäftigte sich die Direktorenkonferenz der Deutschen Meteoro
logischen Institute in Stuttgart am 9. Oktober 1928 mit den meteorologischen
Aufgaben der Deutschen Seewarte und richtete folgende Entschließung an die
Reichsregierung;
„Der Ozeanwetterdienst und der große tägliche Wetterbericht der Deutschen
Seewarte sind für die deutsche wissenschaftliche und praktische Meteorologie
und deren Fortschritte von grundlegender Bedeutung. Die in Stuttgart tagende
Konferenz der Direktoren der Deutschen Meteorologischen Institute betont die
Wichtigkeit der Seewartenpläne für den Ausbau dieser Arbeiten. Sie befür
wortet dringend, durch Bewilligung ausreichender Haushaltsmittel der Deutschen
Seewarte zu ermöglichen, diesen notwendigen Aufgaben gerecht zu werden.“
Auf der Internationalen Meteorologen-Konferenz in Zürich im September 1926
ist der Präsident der Deutschen Seewarte zum Mitglied folgender Kommissionen
gewählt worden:
1. Kommission für Wettertelegraphie (Synoptic weather information); Vor
sitz Colonel Gold.
2. Kommission für maritime Meteorologie; Vorsitz Prof, van Everdingen.
3. Unterkommission für die Organisation des Wetternachrichtenwesens auf
dem freien Ozean; Vorsitz General Delcambre.
Die Kommissionen zu 1 und 3 tagten im Mai und Juni 1928 in London und
Paris; an ihnen nahm der Präsident in Begleitung des Meteorologen Dr. Ahl-
grimm teil.
Ebenfalls im Mai fand die Hundertjahrfeier der Gesellschaft für Erdkunde
in Berlin statt. Bei der offiziellen Feier im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes
verlas der Präsident eine künstlerisch ausgestattete Adresse und übergab sie
dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Herrn Geheimrat Prof. Dr. Penck.
Die Deutsche Seewarte bekundete ihr Interesse an der Gesellschaft für Er
forschung der Arktis mit Luftfahrzeugen dadurch, daß der Ozeanograph Prof.
Dr. Bruno Schulz zu den Tagungen der Gesellschaft im Juni 1928 nach Leningrad
entsandt wurde. Er hielt dort einen Vortrag über die unter seiner Leitung im
Sommer 1927 auf dem Reichsforschungsdampfer „Poseidon“ im Aufträge der