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Jahresbericht der Deutschen Seewarte für 1904.
so konnten am 24. März (i Drachen von zusammen 22'/2 im Tragfläche eleu Apparat
nur auf 80U ra heben. Beim Aufstieg auf 4500 m waren 7 Drachen mit 28 qm
beteiligt.
Was die Form der Drachen betrifft, so kamen im ersten Halbjahr noch
ebenso wie im Vorjahre sehr verschiedene Drachentypen bei den Aufstiegen neben
einander zur Verwendung, sowohl um das vorhandene Material auszunutzen als
um die praktischste Form herauszufinden. Als solche wurde dann irn Juni eine
Form ausgewählt, die sich hei durchaus guten Steige-Eigenschafteu durch größte
Einfachheit und vollständige Zusammenlegbarkeit auszeichnet. Seitdem sind neue
Drachen nur nach diesem Modell gebaut worden und die Aufstiege mehr und
mehr ausschließlich mit diesen ausgeführt worden. Die guten Ergebnisse der fol
genden Monate fvergl. die Reihen 6 und 8) zeigen die Brauchbarkeit desselben.
Es ist im wesentlichen das von Potter bereits 1814 als „diamond cell kite“ em
pfohlene Modell, das auch Herr Dines angenommen hat, aber mit elastisch zurück
klappenden seitlichen Flügeln, die sich hei zunehmendem Winde aus Trag- in
Steuerflächen verwandeln, und zwar gleichmäßig, weil beide Flügel durch dieselbe
Kautschukschnur gehalten werden. Der Drache wird in 2 Größen und jede der
selben in 2 Gestalten, nämlich mit Flügeln und ohne solche ausgeführt, woraus
sich die Tragflächen (bei ausgebreiteten Flügeln) von B’/i, 4, 3 1 /» und 2'/4 qm
ergeben, die für unsern Betrieb genügen. Diese Einheitlichkeit bietet natürlich
für Bau und Reparatur große Vorteile.
Diese Form ist bei uns aus der im Jahresbericht für 1902 erwähnten Kon
kurrenz zwischen „Treppenkasten“ und „Brilliant“ als Modifikation des letzteren
hervorgegangen, weil sie, wenn sie auch nicht ganz den Steigwinkel u. s. w. des
ersteren erreicht, diesem durch Einfachheit und Sicherheit überlegen ist. Als
Nebendrache wurde sie in kleinerer Große schon zu Anfang des Berichtsjahres
mit Vorliebe gebraucht, wo als Hauptdrache noch bis Mitte März ein gewöhn
licher Marvin-Drache, und von da bis Anfang Juni ein Marvin-Drache mit nach
dem Treppen-System gebauter Vorderzelle verwendet wurde.
Einen Drachen des jetzigen Modells von der 5 1 4 qm-Klasse hat Prof. Koppen
auf der Konferenz der Internationalen Aeronautischen Kommission zu St. Peters
burg am 2. September des Berichtsjahres vorgezeigt. Daß diese Drachen sich
zu einer Rolle Zusammenlegen lassen, macht sie nicht nur für Reisezwecke be
sonders geeignet, sondern ist auch in der Großstadt wichtig, weil nur so in den
zahlreichen Fällen des Davoufliegens die Benutzung der elektrischen Bahn für das
Abholen oder der Post für die Zürücksendung der Drachen möglich ist. Von
diesen Fällen bezog sich übrigens die Mehrzahl auf Nebendrachen, die durch eine
einfache selbsttätige Vorrichtung abgelöst werden, wenn der Gesamtzug in der
Hauptleine am Orte ihrer Anheftung eine gewisse Größe übersteigt. Die unan
genehmen, stets mit bedeutendem Verlust an Draht verbundenen Fälle des Ab-
reissens des Hauptdrachens sind durch diese Vorrichtung jetzt recht selten ge
worden. Im ersten Halbjahre, wo die beschriebene Sicherung noch nicht funktio
nierte, sind solche Fälle siebenmal durch Bruch des Drahtes vorgekommen, im
zweiten nur einmal; außerdem im ganzen zweimal durch elektrische Entladungen,
die einmal, am 19. Mai, die Buchtschnur am obersten Drachen, das zweite Mal,
am 4. Juli, den ganzen Draht zerstörte (vergl. „Ann. d. Hydr. u. s. w.“, 19U4, S.469).
Zur Vermeidung der Funkenbildung in der Bucht wird jetzt stets die Spitze des
Drachens durch einen Kupferdraht mit dem Stahldraht verbunden. Fälle, wie der
vom 4. Juli, werden sich dagegen wahrscheinlich nicht vermeiden lassen.