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Jahresbericht der Deutschen Seewarte für 1900.
Schiffahrt Rechnung getragen werden, so dais sich die für die deutsche Seefahrt
und für die Landwirthschaft gehegten Wünsche nach und nach werden erfüllen lassen.
Den nach veränderten Verhältnissen des Seeverkehrs entwickelten Forde
rungen auf den scheinbar widerstreitenden Gebieten konnte, wie wir anzunehmen
geneigt sind, in befriedigender Weise entsprochen werden. Dafs aber dies nicht
geschehen konnte ohne ein theilweises Preisgeben alter und durch die Erfahrung
liebgewordener Grundsätze, liegt auf der Hand. Es konnte dem Eingeweihten
nicht entgehen, dafs sich allmählich in den Einrichtungen der Deutschen Seewarte
ein Wandel vollzog, der den Bedürfnissen und dem Geiste der Zeit entsprach.
Die Beurtheilung der Art der Vollziehung dieses Wandels, nach dem wahren
Werthe und nach dem Umfange, wird einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben
müssen. Soviel steht aber heute schon fest, dafs es unmöglich geworden war,
den Standpunkt festzuhalten, von dem aus vor 25 Jahren die Deutsche Seewarte
als Zentralstelle für maritim-meteorologische Forschung gegründet wurde. Nament
lich schien es als eine unabweisbare Nothwendigkeit, den Anforderungen des
Dampferverkehrs voll und ganz Rechnung zu tragen. Aus dieser Üeberzeugung
heraus entwickelte sich der Charakter der Veröffentlichungen der Seewarte in
letzter Zeit, und es wird nur einer Beurtheilung der Leistungen des Instituts von
diesem Standpunkte aus möglich werden, vollkommen gerecht zu sein.
Neben der neu hinzutretenden landwirthschaftlichen Meteorologie mufste
dem aufblühenden Chronometerwesen innerhalb des Gebietes des deutschen
Reiches voll und ganz Rechnung getragen werden; inwiefern dieses gelungen ist,
darüber werden wir in den nachfolgenden Blättern eingehenden Bericht zu er
statten haben.
II. Zur Geschichte der Deutschen Seewarte.
1. Allgemeines.
Wir werden an einer anderen Stelle Bericht zu erstatten haben, wie im
Laufe des Berichtsjahres dem Institute durch das Ableben einzelner Beamten
erhebliche Verluste zugefügt worden sind. Soviel übrigens läfst sich jetzt schon
sagen, dafs durch eine weise Voraussicht der Entwickelung der Ereignisse An
ordnungen getroffen werden konnten, die einer ernsten Schädigung der Thätigkeit
des Instituts vorbeugten.
Die Deutsche Seewarte konnte im Laufe des Berichtsjahres auf eine 25jährige
Thätigkeit zurückhlicken. Es ist nicht die Aufgabe der Direktion, an dieser Stelle
sich über das Errungene zu verbreiten; soviel aber läfst sich mit einiger Sicher
heit sagen, dafs das Institut nach den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln er
reichte, was in dem Arbeitsplan, auch nach neuerer Auffassung, eine Aufnahme
gefunden hatte. Einen klaren Rückblick über das zu geben, was im Laufe dieses
Viertel-Jahrhunderts, seitdem die Seewarte besteht, erreicht und durchgeführt
wurde, ist dem vollen Umfange nach nur durch ein Studium der über die Thätig
keit der Deutschen Seewarte vorliegenden 22 Jahresberichte möglich.
Aus den nachfolgenden eingehenden Berichten wird sich zur Genüge die
Bedeutung des Institutes für den Weltverkehr zur See ergeben. Wie schon
angedeutet, liegt der Direktion die Pflicht ob, auch hier der schweren Verluste
zu gedenken, welche sie im Laufe des Berichtsjahres zu erleiden hatte; es soll
im Nachfolgenden in Kürze der einzelnen Beamten des Instituts, die im Berichts-