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und betrachte dieses Bild mit demselben; man sieht alsdann das Bild ver-
grössert, und so, als wenn der wirkliche Gegenstand den: Auge nähor gerückt
wäre. Dieses ist das Princip, welches jedem dioptrischen Fernrohre zu Grunde
liegt. Das Bild, welches sich auf der Wand darstellt, kann man sich im
Innern des verfinsterten Fernrohres durch die Linse entworfen und durch cin
Vergrösserungsglas auf die Netzhaut des Auges projicirt denken. Diese Ver-
yrösserungslinse heisst das Augenglas oder Okular; die dem beobachteten
Gegenstande zugekehrte Linse, welche gewissermaassen das erste Bild entwirft,
heisst die Objektivlinse oder das Objektiv.
Das Licht hat die Eigenschaft, in einer geraden Linie fortzugehen, so
lange es sich in einem und demselben Mittel, also z. B. in der Luft, in Glas von der-
selben Beschaffenheit u. s. w., fortbewegt. Ebenso behält es seine Richtung,
wenn es auf die Fläche, welche zwei verschiedene Mittel von einander scheidet,
senkrecht auffällt. Fällt der Strahl aber auf diese Fläche schief auf, so wird
er bei seinem Eintritt in das zweite Mittel von seiner bisherigen Richtung ab-
gelenkt oder gebrochen.
Bei der Brechung des Lichtes durch eine Linse wird dasselbe in seine
einzelnen farbigen Strahlen, das Spektrum, zerlegt, und zwar mehr oder weniger,
je nach der Beschaffenheit des Glases und der Form der Linse. Diese Kigen-
schaft nennt man die Zerstreuungskraft des Glases. Bei verschiedenen Glas-
arten ist nun die Zerstreuungskraft der Brechungskraft nicht proportional und
dadurch die Möglichkeit gegeben, oine Linse farblos oder achromatisch her-
zustellen.
Das Objektiv aller Fernrohre für den Schiffsgebrauch bestcht aus einer
solchen achromatischen Linse. Bei der Mehrzahl ist sie aus einem doppelt
konvexen Kron- oder Spiegelglase und aus einem konkavplanen Flintglase zu-
sammengesetzt. Figur I giebt eine Darstellung der Zusammensetzung. Das
Kronglas ist durch Schraffirung kenntlich gemacht. Die mit @ hezeichnete
Seite ist dem Objekt zugewendet, wenn man das Fernrohr benutzt. Neuerdings
wendet man auch ÖObjektivlinsen von dreifacher Zusammensetzung an, wie dies
in Figur II dargestellt ist. An der Aussenseite liegt ein doppelt konvexes
Kronglas, dahinter ein doppelt konkaves Flintglas und hiuter diesem ein plan-
konvexes Kronglas. Mitunter ist in diesem Falle das letzte Kronglas an der
Innenseite auch leicht konkav. Die Gläser liegen sowohl bei der zweifachen
als auch bei der dreifachen Zusammensetzung dicht au einander uud sind Gurch
einen durchsichtigen Lack mit einander verbunden. Kinige Fabrikanuten be-
autzen zu dieser Verbindung Canada-Balsam, andere Dammarharz oder ähnliche
durchsichtige Harze. Sache des praktischen Optikers ist es nun, die Linse
farblos zu machen und für jedes Fernrohr, durch Versuche und Abänuderungen
der Radien, den einzelnen Objektivflächen diejenige Krümmung zu geben, welche
für die von ihm verwendeten Glassorten die geeigneteste ist.
Durch Verbindung cines solchen achromatischen Ohjektivs mit einem
einfachen doppelt konvexen Okular entsteht das einfache astronomische Fern-
rohr, dargestellt in Figur III, an welchem die Eigenschaften jedes Fernrohres
überhaupt und die wechselseitigen Beziehungen derselben nachgewiesen werden
können, indem das zusammengesetzte Okular, von dem später die Rede sein
wird, immer durch eine einfache äquivalente Linse vorgestellt werden kann,
d. bh. durch eine solche, welche mit dem zusammengesetzten Okular gleiche
Fokallänge hat. Der Weg der Strahlen in dieser Zusammensetzung ergieht sich
aus Figur III. a, %, d sind die durch den Mittelpunkt des Objektivs gehenden
Hauptstrahlen, welche von dem Mittelpunkte und zwei äusseren Punkten des
Gegenstandes kommen, der so weit entlegen ist, dass die von einem Punkte
desselben ausgehenden und auf beliebige Stellen des OÖbjektivs fallenden
Strahlen als parallel angesehen werden können. Die vom Mittelpunkte kom-
menden Strahlen f und # sind danach dem in der Achse liegen Hauptstrahl
parallel; sie treffen in dem Brennpunkte u die Achse und stellen hier den
Mittelpunkt des Bildes CD dar, Nach ihrer Brechung durch die Linse bc
treten sie als ein aus parallelen Strahlen bestehender Büschel oder Cylinder
bei I in das Auge und vereinigen sich auf der Netzhaut desselben wieder in
einem Punkte. Das Bild CD in dem Brennpunkte des Objektivs steht verkehrt,
weil die von den Grenzen des Gerenstandes kommenden Strahlen, von denen