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Ueber die astronomische Ortsbestimmung aus einer einzelnen
beobachteten Höhe in Verbindung mit der Zeit des Chronometers,
nebst Berichtigung eines Irrthums bei einigen neuen Anweisungen
zur Konstruktion der Sumner’schen Positionslinie.
Von Professor Dr. &. D. E. Weyer in Kiel,
So lange man kein allgemein anwendbares Hülfsmittel zur astronomischen
Längenbestimmung hatte, bestand das Verfahren, eine überseeische bestimmte
Küste anzusegeln, bekanntlich darin, dass die Breite astronomisch, am ein-
fachsten durch die Meridianhöhe eines Gestirns bestimmt wurde, womit eine
Höhenlinie oder Positionslinie (hier der Breitenparallel) gegeben war, in
welcher sich das Schiff befinden musste. Wenn aber diese Linie nicht nach dem
Bestimmungsorte hintraf, so suchte man durch Segelung nach Norden oder Süden
erst die erforderliche Breite zu erreichen, um dann mit östlichem oder west-
lichem Kurse das bestimmte Land anzusegeln.!) Die so gefundene Positions-
linie lag also senkrecht zur Richtung des (im Meridian) beobachteten Gestirns,
aber alle Oerter auf der Erde, wo in demselben Augenblicke, nur zu ver-
schiedenen Ortszeiten, dieselbe Höhe des Gestirns beobachtet werden konnte,
befinden sich auf dem Umfange eines Kreises, für dessen Mittelpunkt das
Gestirm im Zenith steht, und dessen Radius die Zenithdistanz ist. Jedoch
werden benachbarte Punkte dieser Kreislinie sehr nahe in einer geraden Linie
liegend angenommen werden können, wenn der Radius (die Zenithdistanz)
nicht sehr klein ist. Immer war aber die Richtung dieser Höhenkurve am
Beobachtungsorte durch eine Tangente, hier ein Stück des Breitenparallels,
bestimmt.
Nach der Einführung der Chronometer (1729 durch Harrison) und der
Monddistanzen (1767 durch Maskelyne’s Vorausberechnung im ersten Bande
des Nautical Almanac) konnte man für den geometrischen Ort des Schiffes
beide Koordinaten, die Breite und Länge, also einen Punkt, statt der früheren
Linie astronomisch bestimmen. Wenn aber die Breite nicht genügend bekannt
war, so fehlte das nothwendige Element zur Berechnung der Ortszeit, und man
musste daher auf die Längenbestimmung durch Chronometer wenigstens vor-
läufig verzichten, mithin auf die Bestimmung des Schiffsortes als Punkt; —
ob auch als Linie? daran wurde nicht gedacht, obgleich es leicht war, sich
die Kreislage aller Erdörter zu denken, welche gleichzeitig dieselbe Höhe, nur
in verschiedener azimuthaler Richtung haben müssen.
Es ist nun das grosse Verdienst von Kapt. Sumner,”) die Bestimmung
des geometrischen Ortes des Schiffes dahin erweitert zu haben, dass aus jeder
einzelnen Höhe, auch bei ganz unvollständig bekannter Breite, immer eine
Linie gefunden werden kann, in welcher sich das Schiff befinden muss, nämlich
eine stets senkrecht zur azimuthalen Richtung des Gestirns gezogene Linie,
deren parallele Verschiebung nach Osten oder Westen nur von der Unsicherheit
der Zeit des ersten Meridians, also des Chronometers, abhängt. Wenn nun
diese allgemeine Ortslinie oder „Sumner’sche Linie“ nicht genau auf denjeuigen
Küstenpunkt hinzeigt, welchen das Schiff erreichen soll, so ziehe man, sagt
Sumner, von dem eigentlichen Orte der Bestimmung rückwärts eine Parallele
mit jener Ortslinie und begebe sich durch etwa erforderliche und konvenirende
Kursveränderung auf diose Parallellinie, deren Abstand von der vorigen Orts-
linie jetzt durch die Konstruktion bekannt ist; alsdann wird durch Verfolgung
des Kurses auf dieser neuen Ortslinie der Bestimmungsort erreicht werden.
Wir lesen mit Interesse die erste, immer denkwürdige Anwendung dieses
Verfahrens, welches in den Stunden der Gefahr selbst seinen Ursprung gehabt
zu haben scheint. Als nämlich Kapt. Sumner®) im Jahre 1837, auf einer Reise
von Nordamerika (Charleston S. C.) nach Schottland (Greenock) bestimmt, am
25. November Charleston verlassen hatte, versprachen eine Reihe starker Winde
1) Ueber den Stand dieser Sache im Jahre 1714 berichtete Newton, bei Gelegenheit der
Pärlamentsverhandlungen, das Längenproblem zur See betreffend.
2) A new and accurate method of finding & ship’s position at sea, by projection on Mercator’s
chart. ed Capt, Thomas H. Sumner. Boston, 1845. II. Edit. in 80, (I. Edit. 1843.)
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