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West und Nord auf NE in verschiedener Stärke, das Wetter wurde bei langsam
fallendem Barometer sichtlich ‚schlechter, die See lief brechend durcheinander.
Abends standen rings herum Gewitter. ‚Auf der Mittelwache, vom 1. zum 2. Mai,
kamen die Gewitter von allen Seiten aufgezogen, das Barometer fiel in zwei
Stunden von 760 auf 755mm. Zeitweise. war die ganze Atmosphäre elektrisch
erleuchtet, die Blitze erschienen in den eigenthümlichsten Formationen, manchmal
kreisrund und elliptisch, dabei nur wenig Donner — dazwischen absolute
Finsterniss, so dass man nur zur Zeit der Blitze sich über Windrichtung etc.
orientiren konnte. Um 2* a. m. ungefähr sprang der bisher noch flau wehende
nordöstliche Wind plötzlich auf Süd und fing nun, nachdem wir das Schiff
yerade noch bis auf den NNO-Kurs hatten bringen können, ganz ausserordentlich
hart (10—11) an zu wehen mit kolossalem Regen, Das Schiff lief mit herunter
geführten Marssegeln und den dicht gegeiten Untersegeln über 12 Knoten die
Stunde. So blieb es bis gegen 4" a.m., wo der Wind abflauend über West
auf NNE ging. Dabei klarte es soweit auf, dass man wenigstens die Takelage
wieder sehen konnte. Die Gewitter traten zurück, Nach 4" a. m. setzte auch
der NNE-Wind so hart ein, wie vorher der Südwind, aber nur mit wenig Regen,
wurde nachher etwas flauer und blieb mit langsam steigendem Barometer stehen.
Luft- und Wasser-Temperaturen nahmen schnell ab. ;
Morgens 5!/a* drehte ich über St. B. bei und blieb auch vorläufig weiter
über diesen Bug, bis der Wind am nächsten Morgen, den 3. Mai, so weit östlich
and später südlich ging, dass wir Nord segeln konnten. Der Strom hatte uns
vom 1. bis 2. Mai rw N13°W 24,5 Sm und vom 2. bis 3. Mai rw S11°E
30,9 Sm gesetzt.
Leichte südliche Brise brachte uns vom Kap Hatteras in vw NNW®/W
160 Sm Abstand am 3. Mai nach der Peilung rw NW!/2W desselben Kaps,
82 Sm Abstand am 4. Mai Mittags, Dieses letzte Etmal war der Strom rw
N 79° W 18,7 Sm. Unserm Besteck nach sind wir nie aus den auf der Karte
angegebenen Grenzen des Golfstromes herausgekommen, haben nur am 3. Mai
Morgens,. wo wir halsten und nordwärts anfıngen zu segeln, auf der südlichen
Grenze gestanden; aber weder die Temperatur des Wassers, noch die Farbe des-
selben, sowie der gefundene Strom waren vom 1, Mai Abends bis 4, Mai Morgens
den Eigenschaften des Golfstromes entsprechend.
Von dem Mittagsbesteck des 4. Mai (Kap Hatteras in. zw NW!/2W 82 Sm
Abstand) hatten wir nun die Gelegenheit, eine sehr interessante Querdurch-
zegelung des Golfstromes zu machen. Am Vormittag ging der leichte südliche
Wind mit langsam fallendem Barometer —- von 10" a. m. bis Mitternacht von
765,5 bis 760,0mm — auf SSW und SW und frischte schnell auf, wehte schon
zu Mittag mit einer Stärke von 8 bis 9, und Abends 8 bis zu der Stärke 10;
dann wurde er allmählich schwächer, bis er am 5. Mai in der Einfahrt in die
Chesapeake-Bucht ganz still wurde.
Wir liefen zeitweise bis 12,5 Knoten die Stunde, Abends mit dreifach
gereeften Marssegeln und gereeften Untersegeln bis 9 und 10 Knoten die
Stunde. Die Luft bezog sich mit dem zunehmenden Winde, über der See lagen
zur Zeit des stärksten Windes und der dann gleichzeitig höchsten Temperatur
des Wassers dicke Dämpfe; sobald die Temperatur des Wassers fiel, die Wind-
stärke abnahm, klarte es immer etwas auf. Die See, die am Vormittag des
4. Mai fast ganz glatt war, lief schon Mittags hoch und brechend durcheinander,
nahm aber mit der am Abend abnehmenden Wassertemperatur und Windstärke
sichtlich ab und wurde gleichmässiger,
Die Temperatur des Wassers, die am Vormittag des 4. Mai um 8* 19,7° €
war, stieg bis.10® a, m. auf 20°, bis 12* Mittags auf 22°, bis 2* p.m. auf 23,9°,
bis 4* p.m. auf 25°; fiel dann bis 6* p. m. auf 24,5°, bis 8* p.m. auf 22,8°,
bis 10° p.m. auf 11,5°, bis 12" Nachts auf 11°, blieb so bis 4 a.m, am
5. Mai und stieg dann in Sicht der Küste allmählich bis auf 15° in der Ein-
fahrt in die Chesapeake-Bucht.
Aus diesen Thermometerständen konnten wir deutlich genug unsere je-
weilige Position zum Golfstrom und später zur Küste bestimmen. Sobald
Abends 10* das oben angeführte plötzliche Abnehmen der Wassertemperatur
erfolgte, wussten wir, dass wir die lothbare Tiefe an der Küste erreicht hatten;
die Lothung ergab 90m, grauen Sand mit Muscheln. So günstig sich das