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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 7 (1879)

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„grain“ im Französischen, wird eben ein Windstoss verstanden, der mit einer 
vorüberziehenden schweren Wolke (oder einem Wolkenheerde mit Lücken) und 
gewöhnlich einem starken Schauer vereint auftritt, häufig auch von Gewitter 
begleitet ist, und dessen Dauer von wenigen Minuten bis zu einer Stunde und 
darüber varliren kann, Der Unterschied dieser Erscheinungen in den nordwest- 
europäischen Küstenländern von den Gewitterstürmen und Tornados in aus- 
gedehnten Binnenländern scheint namentlich darin zu liegen, dass dieselben an 
der Küste viel häufiger sind und als Verstärkungen in der ohnedies durch- 
schnittlich lebhaften Luftbewegung auftreten, während sie im Binnenlande die 
gewöhnliche Ruhe der Atmosphäre viel seltener, aber auch in noch. heftigerer 
Weise unterbrechen und meistens von totalen Wechseln in der Windrichtung 
hegleitet sind; an der Küste ist in der Regel die Aenderung der Windrichtung 
beim Eintritt und häufig auch beim Aufhören der Böen nicht bedeutend, nur 
bei grösseren Erscheinungen dieser Art bemerkt man, wenn sie in einer südwest- 
lichen Strömung auftreten, zuweilen vor der Bö ein Zurückdrehen („backing“ 
der englischen, „Krimpen“ der deutschen Seeleute) des Windes nach SE und 
ein plötzliches Ausschiessen des Windes (engl. „veering“) hinter der Bö nach 
NW und NNW, mit Aufklaren und rascher Abkühlung, 
Ob zwischen den europäischen Gewitterstürmen und den amerikanischen 
Tornados nur ein quantitativer, oder ein wesentlicher qualitativer Unterschied 
vorhanden ist, dies zu entscheiden sind unsere Kenntnisse von beiden Erschei- 
nungen nicht ausreichend...“ Durch ihre nur wenige Minuten umfassende Dauer 
und ihre verheerenden Wirkungen trugen zwei orkanartige Windstösse, welche 
im Oktober vorigen Jahres merkwürdigerweise innerhalb weniger Tage in Pest 
(am 28.) und in der Nähe von Dover!) (am 24.) auftraten, ganz den Charakter 
eines nordamerikanischen Tornados, wie deren fast in jedem Hefte der „Monthly 
Weather Review“ des Signal Office welche beschrieben werden, wie sie aber 
in Europa glücklicherweise schr selten sind. 
Eine Schneebö von grosser Ausdehnung und Plötzlichkeit, wenngleich 
nicht besonders hervorragender Heftigkeit, die England im Frühjahr vorigen 
Jahres (24. März 1878) von Nord nach Süd durchzog, hat durch einen. er- 
schütternden Unglücksfall, den plötzlichen Untergang der Korvette „Eurydice“ 
bei der Insel Weight, eine traurige Berühmtheit im britischen Königreiche als 
„Eurydice squall“ erlangt; die zahlreichen Berichte über deren Auftreten sind 
von Cl. Ley zu einer instruktiven Skizze im April-Heft des Jahrgangs 1878 
von Symon’s „Meteorological Magazine“ verarbeitet. Zwei Kärtchen, welche 
derselben beigegeben sind, zeigen die Position und ungefähre Ausdehnung der 
Bö um 10* a.m. und um 3" p.m. des 24, März. Von Meer zu Meer reichend, 
durchzog sie England von Northumberland bis zum Kanal, in der allgemeinen 
nordnordwestlichen Luftströmung in der Richtung derselben und mit einer 
Geschwindigkeit von 18 bis 22m pro Sekunde sich fortbewegend und eine 
Cirrusschicht bis zu etwa 30Km vor sich hersendend; diese Cirrusbank endigte 
auf der Rückseite der Bö mit einem geraden Rande, längs welchem die Bewegung 
in der Bank aus SW gerichtet war, während sie im vorderen Theile derselben ent- 
schieden nordwestlich sich zeigte. Der Schneefall begann im Norden erheblich 
vor, im Süden etwas nach dem Eintritt des Sturmwindes, welcher letztere im 
Norden noch eine Stunde nach dem Ende des Schneiens fortdauerte, während 
er im Süden mit den letzten Schneeflocken plötzlich sich legte. Die Dauer des 
Schneegestöbers varlirte zwischen a und 2 Stunden und war im Osten grösser, 
als im Westen; die eigentliche schwere Bö dauerte jedoch meist nur 10—20 
Minuten. In Leicestershire wie in Devon war die Wolkenbildung ganz wie bei 
einem Gewitter, elektrische Entladungen wurden jedoch in dieser Bö nicht 
beobachtet, wohl aber stellenweise am gleichen Tage in anderen kleineren Böen. 
Indem wir bezüglich‘ weiterer Details über diese Bö auf das Original 
verweisen, reproduciren wir die angehängten allgemeinen Bemerkungen von 
Cl. Ley, — unstreitig einem der besten Kenner der. Luftströmungen Westeuropa’s 
und ihrer Beziehungen zum Luftdruck, 
„In wie weit die Eurydice-Bö von dem gewöhnlichen Charakter der Böen 
abwich, ist schwer zu entscheiden, aus dem einfachen Grunde, weil wir gegen- 
N 
Vgl. „Ann. d. Hydr. ete.“, 1878, Heft XII, S, 546,
	        
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