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Als eine Ergänzung dazu ‚könnte das angesehen werden, was Julius
Weisbach in einer Anmerkung in seinem Lehrbuche der Ingenieur- und
Maschinen-Mechanik (1845) sagt:
„In der Regel ist, namentlich bei grossen Schwimmern, wie Schiffen u. s. W.,
„die Geschwindigkeit der schwimmenden Körper ctwas grösser, als die
„des Wassers, weniger deshalb, weil diese Körper beim Schwimmen von
„einer durch die Öberfläche des Wassers gebildeten schiefen Ebene
„herabgleiten, als deshalb, weil sie nicht oder nur zum Theil an
„der unregelmässigen inneren Bewegung des Wassers , Theil
„nehmen, ete.“
Man kann aus Beidem schliessen — und es ist dies sicherlich richtig — dass
das Wasser in Folge der beim Fliessen in ihm erzeugten inneren Bewegung in
seiner Gesammtheit nicht so rasch fliesst, als es fliessen würde, wenn diese
innere Bewegung nicht vorhanden wäre, So dass also nicht bloss die Reibung
an dem Boden und den Wänden die Strömung verlangsamt, sondern noch eine
zweite Ursache. Gar keinen Aufschluss erhalten wir aber darüber, warum diese
Ursache an der Oberfläche stärker wirken soll, wie in einiger Tiefe darunter.
G. Hagen giebt deshalb in seinem bereits citirten Buche eine ganz
andere Erklärung für die Erscheinung, indem er sie auf die Verschiedenheit
der Beschaffenheit der Oberfläche gegenüber derjenigen des übrigen Wassers
zurückzuführen sucht. Er sagt: „Die Eigenschaft der Flüssigkeit beruht darauf,
„dass die einzelnen unendlich kleinen Theilchen der Masse nicht unmittelbar
„auf einander liegen, vielmehr durch ihre gegenseitige Anziehung frei schwebend
„erhalten werden. Indem diese Kraft, ebenso wie die Schwere, dem Quadrate
„der Entfernung proportional ist, aber in jedem messbaren Abstande schon ver-
„schwindet, so setzt sich der flüssige Zustand bis dicht unter die Oberfläche
„fort. In der Oberfläche selbst hört er aber auf, weil die Anziehung hier nur
„einseitig, nämlich nur abwärts wirkt. Die Theilchen treten daher hier in
„unmittelbare Berührung und bilden eine feste Decke.“ Diese feste Decke soll
nun, namentlich in kleineren Gerinnen, in geringerem Maasse an der Bewegung
des Stromes theilnehmen, als das tiefer liegende Wasser. Bei stärkerer Strö-
mung und bei grösserem Abstande von den Ufern soll nach ihm der Einfluss
der Oberfläche auf die Geschwindigkeit verschwinden.
Wenn auch diese auf die Molekular-Attraktion zurückgeführte und den
Kapillar-Erscheinungen angepasste Erklärung in sich richtig sein mag, so fragt
es sich doch, ob sie die hier in Rede stehende Erscheinung zu erklären geeignet
ist. Abgesehen davon, dass nach den Beobachtungen, sowohl im Mississippt
wie in der Jade, wo die Ufer doch sehr weit entfernt und der Strom ziemlich
stark ist, die Erscheinung nicht verschwindet — wie G, Hagen oben voraus-
setzt —, sollte man meinen, dass diese sogenannte feste Decke doch nur über-
aus dünn sein und keine Wirkung nach der Tiefe üben kann, Man müsste also
die grösste Geschwindigkeit ganz dicht unter dieser Decke finden, und zwar in
ziemlich konstanter Tiefe unter der Oberfläche. Das scheint aber durchaus
nicht der Fall zu sein; die Tiefe der grössten Geschwindigkeit unter der Ober-
fläche wechselt in verschiedenen Strömen und richtet sich wahrscheinlich zum
grossen Theil nach der ganzen Tiefe des betreffenden Stromes, zum Theil aber
wohl auch nach dem Maasse der inneren Bewegung desselben. Bei den Beobach-
tungen auf dem Mississippi wurde sie häufig auf 1/4 bis !/s der ganzen Strom-
tiefe von der Oberfläche entfernt gefunden; bei den Jade-Beobachtungen scheint
sie ja zuweilen sogar in der Nähe des Bodens zu liegen; indess sind diese
wegen der verschiedenen Dichte des Wassers und der Form der Mulde an der
Beobachtungsstelle nicht als einwandsfrei anzusehen.
(ewissermaassen auf das Gegentheil, nämlich auf transversale Strömungen,
die sich vorzugsweise an der Oberfläche geltend machen, führt Prof. James
Thomson, die Erklärung von Boileau ausbauend, die Erscheinung in einer
kürzlich erschienenen Abhandlung in den „Proceedings of the Royal Society“
(Vol. XXVII, Dee. 12, 1878, pag. 114—127) zurück. Derselbe geht aber sehr
viel weiter, indem er. die vorne vorgetragene Theorie der Wasserbewegung —
von ihm als Lamellen-Theorie bezeichnet —, wonach die Verlangsamung der
Strömung durch Reibung am Boden und an den Seitenwänden und eine Ueber-
tragung der Verlangsamung durch Kohäsion der Wasserschichten unter sich