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der Fall ist, nämlich für das Voreilen der Fluth und Rückbleiben der Ebbe in
den tieferen Schichten.
3. Ueber einen ferneren Umstand giebt die Form der Mulde auch keinen
Aufschluss, nämlich darüber, dass, während das Profil doch konstant bleibt, die
hier nicht mitgetheilten Einzel-Beobachtungen über die Geschwindigkeit in der-
selben Tiefe und zu derselben Gezeitenstunde in ihrem Verhältniss zur Ober-
Hächengeschwindigkeit stark von einander abweichen.
Man wird zur Erklärung dessen variable Einflüsse mit heranziehen müssen,
and da bietet sich zunächst der des Windes,
Dieser wird für sich die Hauptzüge der Erscheinung, nämlich das zu
rasche Fliessen der Fluth in der Tiefe und das zu langsame der tieferen Schichten
der Ebbe im Verhältniss zur Oberflächenströmung, unter der Voraussetzung zu
erklären vermögen, dass er während der Beobachtungsperiode aus einer be-
stimmten Richtung öfter und stärker geweht hat, als aus den anderen Richtungen,
denn es würde z. B. ein vorherrschender Südwind dahin wirken, die nach Nord
gerichtete Ebbeströmung an der Oberfläche zu beschleunigen, wodurch ein relativ
langsameres Strömen in der Tiefe erklärbar würde. In Bezug auf die nach
Süd setzende Fluth würde derselbe Wind die entgegengesetzte Wirkung aus-
äben, d. h. die Strömung an der Oberfläche hemmen und derjenigen in der Tiefe
also eine relative Beschleunigung verleihen,
Da der Wind für jede Beobachtungsserie notirt worden ist, kann eine
Prüfung mit Bezug hierauf angestellt werden. Nimmt man an, dass der quer
oder nahezu quer zur Stromrichtung (d. h. in keinem grösseren Winkel als
2 Strich zu derselben) wehende Wind, sowie die Windstillen sich neutral in
Bezug auf Beschleunigung oder Verzögerung der Strömung verhalten, so ergeben
die Notirungen 119 Mal neutrales Verhalten, 170 Mal südliche und nur 71 Mal
nördliche Winde. Hierzu tritt noch, dass die südlichen Winde im Durchschnitt
stärker gewesen sind, als die nördlichen. Es dürfen also die Winde zur Er-
klärung der Abweichungen wohl herangezogen werden, denn der thatsächlich
vorherrschende Südwind könnte jedenfalls auf das Mittel aller Beobachtungen
einen solchen Einfluss üben, dass der Ebbestrom an der Oberfläche durch ihn
etwas beschleunigt und der Fluthstrom durch ihn gehemmt erscheint. Freilich
giebt der Wind wieder gar keine Erklärung für einige Einzelnheiten der Er-
scheinung, nämlich erstens für das Wachsen der Abweichungen mit den Stunden
der Ebbe und das Abnehmen mit den Stunden der Fluth, sodann aber dafür,
dass in einer Anzahl von Fällen, wo der Wind mit dem Strome oder aus
neutraler Richtung wehte, eine absolut raschere Strömung in der Tiefe, als
an der Oberfläche beobachtet wurde, indem mitunter die Strömung in 5m, mit-
unter in 10m Tiefe, die lebhafteste war. In einigen anderen Fällen blieb zwar
die Strömung auf beiden Tiefen hinter der der Oberfläche zurück, es übertraf
aber die Geschwindigkeit in 10m diejenige in 5m Tiefe, wofür man den Wind
auch nicht gut verantwortlich machen kann. Auf Rechnung einer Nachwirkung
des Windes nach der Tiefe hin kann man die Erscheinung wegen der kurzen
Gezeitenperioden nicht setzen (vgl. Zöppritz „Zur Theorie der Meeres-
strömungen“, „Ann. d. Hydr. ete.“, Jahrgang 1878, Heft VI), zumal sie gerade
häufig in der ersten und zweiten Stunde der Gezeit vorkam.
Zur Uebersicht über diese Verhältnisse diene die folgende Aufstellung,
welche die betreffenden Fälle, für Ebbe und Fluth gesondert, sichtet in solche,
wo der Wind mit dem Strom ging, in solche, wo er gegen den Strom wehte,
and in solche, wo die Richtung von Strom und Wind nahezu quer zu einander
war, wo also eine erhebliche Beeinflussung des Oberflächenstromes durch den
Wind nicht anzunehmen ist.