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Temperaturvertheilung. Die Reihentemperaturmessungen der beiden
Schiffe „Challenger“ und „Gazelle“, auf dem ersteren ausgeführt von Kapitain
Sir G. Nares und Staff-Commander Tizard (1873 und 1876), auf dem letzteren
von Kpt. z. See Freiherr von Schleinitz (1874 und 1876), lassen zunächst
folgende allgemeine Grundzüge der vertikalen und horizontalen Temperaturver-
theilung in dem Atlantischen Ocean innerhalb des Gebietes zwischen 40°. N-Br
bis 40° S-Br erkennen).
1. In Bodentiefen von weniger als 3650m (rund 2000 Faden) ist die Tem-
peratur am Meeresboden geringer, als irgendwo zwischen diesem selbst und der
Oberfläche, d. h. die Temperatur nimmt ohne Unterbrechung von der Ober-
fHäche bis zum Meeresboden ab. Erreicht dieser eine grössere Tiefe als 3650m,
so befindet sich über diesem eine an vielen Stellen über 1830m (rund 1000 Faden)
mächtige Wasserschicht von nahezu gleichmässiger Temperatur, Denkt man
sich eine Linie von Französisch- Guyana bis zur westlichsten Insel der Azoren
gezogen, und ‚von da weiter nördlich, so ist östlich von dieser Linie die
Bodentemperatur im ganzen Atlantischen Ocean bis zur Breite des Kap der
guten Hoffnung in Tiefen von über 3650m gleichförmig 1,8° C., genauer 1,83°
als Mittel aus 1,55° und 2,11°, und westlich von dieser Linie 1,7° C., genauer
1,67° als Mittel zwischen 1,50° und 1,83°, In dem übrigen Theile des
Atlantischen Oceans sind zunächst im Osten des Süd-Atlantischen Oceans, auf
einer Linie zwischen Tristan d’Acunha und dem Kap der guten Hoffnung
niedrigere Bodentemperaturen, als in den anderen ‚Theilen, nämlich zwischen
0,5° und 1,1°-C., im Mittel 0,8° gefunden worden. Besonders niedrig sind
die Bodentemperaturen des südwestlichen Theiles des Süd-Atlantischen Oceans,
in dem Gebiete zwischen der Ostküste von Süd-Amerika und einer Linie zwischen
Tristan d’Acunha und Ascension, in welchem sie (in Tiefen zwischen 3500 bis
5300m) zwischen — 0,6° und + 1,2° schwanken und im Durchschnitt 0,3° be-
tragen; sie sind also um 1,4° niedriger als in dem nördlichen Westtheile des
Atlantischen Oceans. Niedrige Bodentemperaturen findet man auch unter dem
Aequator selbst vor, eben. so auch in den ihm zunächst liegenden nördlichen
and südlichen Breiten-Parallelen, nämlich in Tiefen von 4000—4400m, zwischen
0,4° und 0,9°,
2. Unterhalb der von der Sonnenwärme beeinflussten oberen Wasser-
schicht, welche 110—165m - erreicht, ist alles Wasser im Nord-Atlantischen
Ocean wärmer, als das Wasser in gleichen Tiefen und Breiten im Süd-Atlantischen
Ocean und auch als das Wasser in gleichen Tiefen am Aequator.
3. Zwischen 20° und 40° N-Br ist das Wasser an der Westseite des
Nord-Atlantischen Oceans oberhalb der Tiefe von 823m (450 Faden) wärmer,
als an der Ostseite, mit Ausnahme derjenigen Stellen, wo dor „kalte Wall“
dieses Wasser von der amerikanischen Küste hinwegdrängt. (Vergl. sub. 5 und 6.)
4. Zwischen denselben Breiten ist das Wasser der Westseite des Nord-
Atlantischen Oceans unterhalb der Tiefe von 823m (450 Faden) kälter, als an
der Ostseite: so liegen z. B. die Isothermen von 4,4° bis 1,7° (40° bis 35° F.)
im Westen ca 366m höher hinauf, als im Osten, und die Bodentemperaturen
sind dort um 0,5° niedriger, als hier. Die Erklärung hierfür ist in den nach
Westen hin gedrängten kalten polaren Unterströmungen zu suchen.
5. Der wahre Golf- oder Florida-Strom ist, nach seinen Anfang Mai vom
„Challenger“ in der Nähe von Sandy-Hook vorgefundenen Temperaturverhält-
nissen Zu schliessen, dort nur ein scharf begrenzter Fluss im Ocean von stark
erwärmtem Wasser und an dieser Stelle nur 60 Sm breit und nicht über 183m
tief; zwischen Halifaz und Bermuda theilt er sich in verschiedene Streifen in
Gestalt eines Delta’s,
6. Zwischen den Parallelen von 30° und 40° N-Br erstreckt sich bis zu
einer Tiefe von 580m und über ein Gebiet von ca 1200000 Q-Sm (gegen 4 Mil-
lionen qkm), d. i. von ca 2000 Sm Länge und 600 Sm Breite eine warme
Wassermasse mit einer Temperatur von über 15,6°. Diese hat bei ihrer Fort-
”) Vgl. The Challenger’s „Reports on Ocean Soundings and Temperatures, Atlantic Ocean“,
1873 u. 1876 (No, 1 u. 7); Sir Wyv. Thomson: „The Atlantic“, Vol, II, pag. 300—328; „Hydr,
Mitth.“, 1874, pag. 102-—104 und 257 ff; „Ann, d. Hydr,“, 1875, pag. 67 fl; 1876, pag. 367 fl;
1877, pag, 16 und 180 ff)