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Kalk, nämlich 0,226 Theile in 10000 Theilen Wasser, zeigte eine Wasserprobe
aus 4750m Tiefe im nördlichen Atlantischen Ocean in 35° 43‘ N-Br und
17° 30‘ W-Lg. Der grösste Gehalt von 0,312 Theilen wurde im südlichen
Stillen Ocean in 51° 41,6‘ S-Br und 80° 30,3‘ W-Lg in einer Tiefe von 183m
gefunden (an der Oberfläche betrug dieser Gehalt an kohlensaurem Kalk in
10000 Theilen Wasser 0,298 und in einer Tiefe von 4280m 0,288 Theile). Ein
fast gleich hoher Gehalt — 0,310 Theile — stellte sich bei einer Wasserprobe
aus dem Indischen Ocean in 35° 3‘ S-Br und 81° 42,5‘ 0O-Lg und in einer Tiefe
von 2740m heraus (an der Oberfläche 0,285 und in 183m Tiefe 0,302 Theile).
Als Mittel aus allen untersuchten Wasserproben ergeben sich in 10000
Theilen Meerwasser durchschnittlich 0,269 Theile kohlensauren Kalks, oder,
richtiger gesagt, 0,118 Theile gebundener Kohlensäure. Diese gleichartige
Mischung des Meerwassersalzes fordert, nach Jacobsen, als Erklärungsgrund
eine schnelle Mischung des Meerwassers verschiedener Gegenden der Oceane,
also eine schnelle Ortsbewegung desselben, d. h. allgemeine Strömungen in
horizontaler und vertikaler Richtung. (Vergl. Jahresbericht der Kommission zur
wissenschaftlichen Untersuchung der deutschen Meere in Kiel für 1874, 1875, 1876.
Berlin, 1878, pag. 289—294.)
Zu demselben Schlusse war Prof, Jacobsen schon bei seinen früheren
Untersuchungen über die Meerwassergase gelangt, welche er als Mitglied der
beiden Expeditionen der „Pommerania“ in der Öst- und Nordsee, welche auf
Veranstaltung des Königl. Preuss. landwirthschaftlichen. Ministeriums in den
Jahren 1871 und 1872 zur wissenschaftlichen Erforschung dieser beiden Meere
unternommen worden sind (s. „Hydr. Mitth.“ 1874, pag. 121, „Ann. d, Hydr. etc.“
1875, pag. 171 und 186), angestellt hat. Er hat dabei u. A. die schon von
Bischof geäusserte Vermuthung bestätigt gefunden, dass der Gehalt des Meer-
wassers an freier Kohlensäure keinen sehr erheblichen Schwankungen unterliegt,
und dass überhaupt über dem Meeresgrunde in grossen Tiefen keineswegs
eine massenhafte Anhäufung von Kohlensäure stattfindet, wie man früher anzu-
nehmen geneigt war. Ebenso hat er nachgewiesen, dass das Meerwasser in
der Tiefe keinen Luftüberschuss vermittelst des dort herrschenden hohen Luft-
drucks aufgelöst enthält; dagegen entspricht die Luftmenge allerdings annähernd
der in der Tiefe herrschenden Temperatur, so dass da, wo die Temperatur der
uuteren Schichten erheblich niedriger ist, als die der Oberfläche, auch eine ont-
sprechend höhere Gasmenge vorhanden ist. Als Endergebniss seiner hierauf
bezüglichen Untersuchungen stellt Jacobsen folgenden Satz auf: „Die Summe
von Sauerstoff und Stickstoff ist nahezu gleich derjenigen Menge dieser Gase,
welche das Wasser bei seiner wirklichen Tiefen-Temperatur an der Meeres-
oberfläche aufnehmen würde, weniger der etwa verbrauchten Sauerstoffmenge“,
(Vgl.Jacobsen: „Die Luft des Meerwassers“ in Liebig’s „Annalen der Chemie“,
Bd. 167, pag. 1—34.) Aus diesem Satze folgt, dass das Meerwasser der Tiefe
sich mit nahezu derselben Temperatur, welche es dort besitzt, an der Oberfläche
befunden und hier mit atmosphärischen Gasen gesättigt haben muss, dass
also das Meerwasser der Tiefe einen polaren Ursprung hat, welche Ansicht
Carpenter bei seiner bekannten Theorie der oceanischen Cirkulation energisch
vertheidigt hat.
Für die Erforschung des Thierlebens in den oceanischen Tiefen ist eben-
falls, wie bei den anderen Zweigen der Tiefseeforschung, das letzte Jahrzehnt
besonders reich an wissenschaftlichen Erfolgen gewesen. Angeregt, und zum
Theil auch veranlasst durch die zwingenden Forderungen des praktischen Lebens,
die in den letzten Jahren in den einzelnen Meeren sehr beeinträchtigten Erfolge
des Grossfischerei-Betriebes wieder zu beleben und zu vermehren, haben die
oceanisch - biologischen Forschungen mittelst Schlepp- und Tieffisch - Netzen
(„dredge“ und „trawl1“) ihre Aufgabe theils gelöst, theils der Lösung nahe ge-
bracht, zugleich aber auch zur Förderung der Kenntniss der oceanographischen,
biologischen und geologischen Verhältnisse der Gegenwart und Vergangenheit
unseres Erdkörpers wesentlich beigetragen. Sie haben die auf die Autorität
von Forbes (1843) gestützte Annahme der völligen Abwesenheit thierischen
Lebens von einer Tiefe von 550m ab bis zum Meeresgrunde — die sogenannte
Abyssus-Theorie — vollständig widerlegt und nachgewiesen, dass noch in zehn-
mal grösseren Tiefen Thierleben besteht und auch bestehen kann.