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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 8 (1880)

I 
* Orkan im südwestlichen Theile des Nordatlantischen Oceans. 
Bericht des Kapt, J. Mefstorff vom Deutschen Postdampfer „Borussia“, 
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte.) 
Am 11. August d. J. verliefsen wir Havre und kamen mit leichten öst- 
lichen Winden rasch vorwärts, so dafs wir schon in der Nacht vom 16. zum 
17. August. die Insel Corvo passirten. Der Wind blieb leicht ös!lich. Am 
21. August Mittags waren. wir auf 29° 5‘ N-Br und 50° 10‘ W-Lg. Abends 
bezog sich der Himmel mit bleifarbig aussehenden Wolken, der Mond konnte 
nicht durch dieselben dringen. Am Morgen des 22. war der Himmel ganz be- 
deckt, schwere Regenwolken zogen von ESE heran, der Wind war E und nahm 
fortwährend an Stärke zu. Die Böen wurden so heftig, dafs wir um 11 Uhr 
das Bramsegel und um 1 Uhr auch das Obermarssegel festmachen mufsten. 
Inzwischen war der Wind bis NEzN herumgegangen, und es fiel, besonders in 
den Böen, ein wolkenbruchartiger Regen. 
Bereits um 11® war es mir klar geworden, dafs ein Orkan im Anzuge 
sei, und liefs ich Alles darauf vorbereiten. Das Barometer fiel indessen nicht 
sehr rasch, Ich entnahm daraus, dafs das Centrum, welches der gemeiniglich 
angenommenen Regel gemäfßs 8 Striche vom Winde,') zur Zeit also S peilen 
mufste, noch ziemlich entfernt war, und beschlofs ich deshalb, den guten Wind 
auszunutzen und mit SW-Kurs vor dem Centrum über zu steuern, dessen Bahn 
sach Piddington’s „Sailor’s Horn Book“ von ESE nach WNW oder vielleicht 
noch etwas nördlicher gerichtet sein sollte. Es war nur zu befürchten, dafs 
der Orkan mit einer zu grofsen Geschwindigkeit fortschreiten und uns zu nahe 
kommen würde. Ich rechnete jedoch auf die Geschwindigkeit meines Schiffes, 
welche 11'/2 Kn betrug, und mit jedem Striche, um den sich der Wind nach 
Nord veränderte und die Peilung des Centrums achterlicher wurde, wuchs meine 
Zuversicht, dafs mein Plan gelingen würde. 
Inzwischen fiel das Barometer mehr und mehr. Die Böen wurden immer 
heftiger; um 6h p. m. muflsten wir auch die Fock festmachen und liefen jetzt 
nur vor dem Untermarssegel. Der Wind war aber schon bis N gegangen, so 
dafs wir ihn jetzt von St. B. ein hatten. Um 7" p.m., als der Wind bis NNW 
geholt war, fing das Barometer an zu steigen, die Böen wurden weniger heftig, 
und vor uns im SSW begann es aufzuklaren. Hinter uns und besonders da, 
wo das Centrum sein mufste, hingen schwere Regenwolken, in denen es fort- 
während blitzte. 
Während der ganzen Zeit war die Hauptsee von Osten und wälzte sich 
in grofsen Wogen heran, die anderen Seen konnten des sich rasch verändernden 
Windes wegen nicht recht aufkommen. 
In der Nacht nahmen Wind und Seegang mehr und mehr ab. Am Mor- 
gen des 23. August war der Wind SW 4 bei schönem Wetter und wurde im 
Laufe des Tages gänzlich stille. Am Mittage standen wir nach Beobachtungen 
auf 23° 16‘ N-Br und 56° 49‘ W-Lg. Die Uebereinstimmung mit der Koppel- 
kursrechnung zeigte, dafs keine Stromversetzung stattgefunden hatte. 
Am 24. setzte wieder der gewöhnliche Passat ein und am nächsten Tage 
erreichten wir wohlbehalten den Hafen von St. Thomas. 
Zu dem nachstehenden Journal-Auszuge bemerke ich noch,.dafs die 
Windrichtungen und Kurse rechtweisend sind. Die Angaben über den Luftdruck 
sind nach einem Aneroidbarometer. 
1) Bekanntlich ist diese früher angenommene Regel nicht ganz richtig. Wenn man dem Winde 
den Rücken zukehrt, so peilt der Ort des niedrigen Luftdrucks (Wirbelcentrums) nicht links querab, 
sondern etwas nach vorn; er lag hier also bei Ostwind schon ein wenig W von S,
	        
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