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Der Hafen von Calais.*
Mitgetheilt von Kapt. C. H. F. Ringe,
Calais wird in der letzten Zeit häufig von grösseren, selbst bis zu 7m
tiefgehenden Schiffen besucht; es dürfte daher manchen Seefahrern von Interesse
sein, etwas Näheres über diesen Hafen zu erfahren; obgleich derselbe in un-
mittelbarer Nähe von Deutschland liegt, ist meines Wissens wenig über ihn
bekannt, und verdienen die daselbst bis jetzt herrschenden Zustände an die
Oeffentlichkeit gebracht zu werden, damit sich mancher Schiffer vor Schaden
hüten kann. Mit seltenen Ausnahmen ist der Besuch dieses Hafens für grössere
und über 5m tiefgehende Schiffe, trotz der hohen Kosten, stets mit vielem
Zeitverlust verbunden, und manches Schiff hat ausserdem noch beträchtlichen
Schaden erlitten, bevor es diesen Hafen verliess.
Die Calais-Lotsen trifft man bei gutem Wetter schon in beträchtlicher
Entfernung, beim Galloper- sowohl, als beim Varne-Feuerschiff, Die schwarzen
Lotsenboote haben meist Vor- und Achterschomer-Takelage; den Namen „Calats“
führen dieselben mit schwarzen Buchstaben im grössten Segel. Man hüte sich,
die Lotsenflagge zu früh zu zeigen, da, wenn z. B. ein Lotse von Bowlogne seine
Dienste anbietet, und wenn man, nach Calats bestimmt, denselben natürlich nicht
nimmt, man gleichwohl letzteren bezahlen muss, wie es zur Zeit meines Hier-
seins der Fall war,
Es sind hier 14 Lotsen vorhanden, von denen sich, bei gutem Wetter,
immer 7 auf See befinden. Ist man auf der Rhede angolangt, so hat man fast
immer einen Schleppdampfer nöthig, um in den Hafen zu kommen. Unter den
obwaltenden Umständen ist es nur kleineren Schiffen mit günstigem Winde und
gutem Wetter anzurathen, einzusegeln; die Lotsen sind noch nicht daran ge-
wöhnt, mit grösseren Schiffen umzugehen, Kann man des Wasserstandes wegen
nicht direct in den Hafen gelangen, so geht man bei gutem Wetter auf der
Rhede zu Anker. Der beste Ankerplatz ist in Lee der Bank Le Riden de Calais,
wenn man den Leuchtthurm SO!/4S peilt, in 12,6 bis 18 m Wasser; der Grund
besteht aus Sand und zerbrochenen Muscheln; das NO-Ende der Bank ist durch
eine rothe Tonne mit Stange und Kegel markirt. Auf der Bank selbst stehen
5,4 bis 16m Wasser. Auf der Rhede und im Hafen ist die Hafenzeit 11% 30",
der mittlere Gezeitenunterschied beträgt bei Springzeit 6,6 m, bei Nippzeit 4,8 m,
ist jedoch sehr von der Windrichtung abhängig; der höchste Wasserstand ist
bei nördlichen und westlichen Winden. Die Strömung läuft auf der Rhede von
2 Stunden vor bis ea 4 Stunden nach Hochwasser nach ENE,
Der eigentliche Hafen von Calais besteht aus einem Dock, welches in NW
der Stadt in West-Ost-Richtung -hart unter den Festungswerken der Stadt sich
befindet. Dasselbe ist ca 300m lang und 100m breit und steht durch einen 60
bis 75m breiten und 1 engl. Meile langen Kanal mit der See in Verbindung;
dieser macht auf halbem Wege nach dem Moere eine Biegung nach NW und
läuft an beiden Seiten in Holzmolen aus, von denen die östliche am weitesten
ins Meer hineinreicht und am Ende einen Signalmast trägt, von welchem aus,
wenn der Hafen zugänglich ist, der Wasserstand des Hafens, und ob Ebbe oder
Fluth ist, durch Flaggen angezeigt wird.
Das Dock ist vom Kanal durch eine Schleuse abgeschlossen. Die mittlere
Tiefe des Docks beträgt bei Niedrigwasser Springzeit 4 bis 4,5m. Der Kanal
läuft bei Ebbe bis auf eine kleine Rinne in der Mitte und einer kleinen Stelle
an der östlichen Mole (am sogenannten Quai de marde), wo 3,6 m bleiben, fast
trocken. Wenn kein Platz im Hafen vorhanden ist, oder die Schiffe zu tief
gehen, placiren sich dieselben an der benannten Stelle am Quai de marte, falls
sie nicht vorziehen, auf der höchst unsicheren Rhede oder in den Downs auf
Platz zu warten. Das Löschen resp. Laden geht leicht von statten, da die
Schiffe meist alle dicht am Lande liegen. Die Eisenbahn geht an beiden Seiten
längs des Docks und des Kanals, sowie bis auf die östliche Mole hinaus, an
welcher die Postdampfer anlegen, welche bekanntlich zweimal täglich von hier
nach Dover gehen. Bei sehr niedrigem Wasserstande wird ein kleiner flach-
gehender Raddampfer benutzt, um den grösseren Schiffen draussen Post und
Passagiere abzunehmen. Am Dock sowie an der Ostseite des Kanals sind kleine
1) S. Channel Pilot, Part II (1874) pag. 144 £.,