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2. Route zwischen dem Jenissei und der Lena.
Für die Betrachtung der Fahrt längs der Küste Sibiriens zwischen den
Mündungen des Jenissei und der Lena liegen u. A, folgende Reisen und Beob-
achtungen vor: |
1. Die Roisen von Minin, Prontschitschew und Laptew in den Jahren
1735—1741 (vgl. „Verh. der Ges. für Erdk.“, 1879, S. 98; Geogr. Mitth.,. 1873,
S. 9—21 mit Taf. 1), Diese Expeditionen, mit für diesen Zweck vollständig
ungenügend gebauten und ausgerüsteten Schiffen, haben bekanntlich die ganze
Strecke zwischen Jenissei und Lena nicht zurücklegen können; aber schon die,
wenn auch unvollständigen Berichte über dieselben!) und die letzten Erfahrungen
der „Vega“ i. J. 1878 haben gezeigt, dafs, mit den nautischen Hülfsmitteln der
neueren Zeit, wenigstens die Küste zwischen dem enissei und Taimyr und
zwischen Kap Tscheljuskin und der Lena-Mündung in jedem Jahre für unsere
jetzigen Schiffe erreichbar ist.
2. Die Beobachtung von Middendorf,”) dafs das Meer bei Kap Tatmyr
am 25. August 1843 eisfrei war. ;
3. Die Erklärung des Jakuten Fomine, dafs im Sommer das Eis durch
den Landwind so weit fortgetrieben wird, dafs man es nur von den gröfseren
Erhebungen an den Küsten aus erblicken könne.
4. Die Erfahrung der norwegischen Walfischfahrer, dafs es im Herbst
häufig möglich ist, von der Nordspitze von Nowaja Semlja aus den Kurs direkt
nach Ost zu setzen, ohne Eis zu erblicken.
; 5. Die Erfahrungen, welche die Expedition der „Vega“ gewonnen hatte,
dafs nämlich im August 1878 das Kis der Schiffahrt längs der Küste zwischen
dem Jenissei und der Lena keine Hindernisse entgegengestellt hat.
Auf Grund dieser Thatsachen und aus einem Vergleiche des Verlaufes
der kalten, an der Westseite nach SW und der warmen, an der Ostseite nach
NO setzenden Strömungen in dem Grönländischen Meere (zwischen Grönland
and Spitzbergen) und dem Karischen Meere (zwischen Nowaja Semlja und der
Taimyr-Halbinsel) gelangt Prof. Nordenskiöld zu dem Schlusse, dafs dem
Seeverkehr mit Dampfern und grofsen Schiffen zwischen dem Jenissei und der
Lena keine gröfseren Schwierigkeiten sich entgegenstellen, als den Expeditionen
der gebrechlichen norwegischen Fischerfahrzeuge an der Nordküste von Spitz-
bergen. Ehe aber diese Route mit Sicherheit, und daher mit Erfolg, wird benutzt
werden können, mufs die Küste zwischen den Mündungen des Jenissei und der
Lena noch sorgfältiger, als es bereits geschehen ist, vermessen werden. Von
dem Jenissei bis zur Tarmyr- Halbinsel passirte die „Vega“ eine Menge von
nahe bei einander gelegenen Inseln, welche in den bisherigen Karten nicht ein-
getragen waren und erst jetzt durch die Expedition der „Vega“ ihrer Existenz
und Lage nach ‚bekannt geworden sind.*) Bei der Mündung des Jenissei bestehen
diese Inseln aus plutonischen Gesteinen, weiter nach Norden aus Granit. Die
allen diesen Gruppen angehörenden Inseln gehen sich dem Aeufseren nach sehr
ähnlich, deshalb müssen zur Sicherheit der Schiffahrt bei und zwischen ihnen
Land- und Seemarken errichtet werden, namentlich an und vor den Mündungen
des Olenek und der Lena. An der Südküste der Insel Taimyr, an dem west-
lichen Eingange der Taimyr-Strafse, ist ein vortrefflicher Hafen, der Actinia-
Hafen. (Vgl. unten pag. 243 und die diesem Hefte beigegebene Skizze.)
3. Route zwischen der Lena und der Bering-Strafse.
Nach Erwähnung der früheren Reisen zwischen der Lena bezw. Kolyma
und dem Stillen Ocean, — von der Expedition des Kosaken Deschnew (1648) an
bis zu den neueren Reisen in diesem Jahrhundert von Hedenström (1809),
5 G. P, Müller: Voyage et decouvertes faites par les Russes le long des cötes de la mer
glaciale etc,, Amsterdam, 1766, p. 189; u. F. v. Wrangel: Reise längs der Nordküste von Sibirien
und auf dem Eismeere, 1820—1824, bearbeitet von G, Engelhart, Berlin 1839 (No. 28 des „Magazin
von merkwürdigen Reisebeschreibungen“) p. 46. ;
4 PA Middendorf: Reise in dem äufsersten Norden und Osten Sibiriens. 1867, IV, (1) pp. 21
un .
3) Vgl. die Karte, Taf, 2 zu Geogr. Mitth., 1879. Heft I.