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Kanal-aufwärts und -abwärts, parallel mit der Achse des Kanals strömen. Weiter
folgert Airy: .
. „Für den Theil der Welle, welcher sich iu der Nähe der Küste befindet,
das Wasser also senkrecht gegen diese hinströmt, wirkt dieselbe als Barriere
und bewirkt; dass die grösste horizontale Verschiebung der Wassertheilchen
(oder der Stromwechsel) mit Hochwasser zusammenfällt.
In der Mitte des Kanals wird das Wasser am schnellsten aufwärts strömen,
wenn es seinen höchsten Stand erreicht hat, und diese Bewegung hört auf, wenn
es sein mittleres Niveau passirt (d.h. der Stromwechsel findet statt 3 Stunden
nach Hochwasser).
Für eino Station zwischen der Küste und der Kanalmitte, wo sich die
Wirkung dieser beiden Bewegungen combinirt, wird sich die Sache folgender-
massen gestalten.
Bei Hochwasser fliesst das Wasser Kanal-aufwärts, aber nicht nach oder
von der Küste. ;
Wenn das Wasser bis zu seinem mittleren Niveau gefallen ist, fliesst das
Wasser von der Küste weg, ist aber stationär mit Bezug auf die Bewegung
Kanal-auf- und abwärts, ; &
Bei Niedrigwasser läuft das Wasser Kanal-abwärts, hat aber keine Be-
wegung nach oder von der Küste. ne
; Wenn das Wasser auf sein mittleres Niveau gestiegen ist, strömt das
Wasser nach der Küste hin, ist aber stationär mit Bezug auf die Bewegung
Kanal-auf- und abwärts.
Folglich wird im Laufe einer Gezeit die Richtung des Stroms durch
36()° sich ändern, ohne jemals stationär zu sein, und der Sinn, in welchem
diese Richtungsänderung der Strömung. vor sich geht, wird derart sein, dass,
wem wir uns in der Mitte des Kanals aufwärts (nach Dover zu) segelnd denken,
der Gezeitenstrom an der linken Seite sich im Sinne eines Uhrzeigers ändern
wird, an der rechten Seite umgekehrt wie ein Uhrzeiger.“
Dies ist genau das, was an der Südküste Englands und an der Nord-
küste Frankreichs in dem Theile zwischen Startpoint und Lizard und St. Malo
Ouessant sowie an der Nordseeküste beobachtet wird. Bei näherer Ueberlegung
wird man erkennen, dass sich die Erscheinung innerhalb des Gebietes gleich-
zeitigen Stromwechsels nicht zeigen kann, weil hier die eine Voraussetzung,
dass in der Mitte des Kauals der Strom 3 Stunden nach Hochwasser kentert,
wie wir sahen, nicht mehr erfüllt wird; wir werden daher hier keine voll-
ständige Drehung des Stroms um 360° ohne Stauwasser beobachten können,
wohl aber kann eine partielle Drehung grösser oder geringer, je nachdem die
Zeit des Stromwechsels in der Mitte des Kanals weniger oder mehr beeinflusst
ist, mit dazwischenliegendem Stauwasser, welches nicht mit dem in andern
Theilen des Kanals zusammenfällt, vorkommen. Ob derartiges dicht unter der
Küste beobachtet wird, kann Vf. nicht sagen.
Die scheinbare Anomalie der Strömungen an der holländischen Küste
nördlich von Vliessingen bedarf nach dem Vorhergehenden keiner eingehenden
Erörterung mehr; sie ist eine einfache Folge der Richtung des Fortschreitens
der Fluthwelle, welche der an der englischen Küste entgegengesetzt ist. Wir
überlassen es dem Leser, die nöthigen Schlüsse selbst zu machen, ;
Hiermit hätten wir denn alle beobachteten Eigenthümlichkeiten als natür-
liche Folgen der Wellenbewegung nachgewiesen und schliessen diese Betrach-
tungen in der Hoffnung, einen annehmbaren Beitrag zu einer rationellen
Behandlung und Erklärung der .Flutherscheinungen geliefert zu haben. Die
Grundlagen dieser Untersuchungen sind in Airy’s klassischem Werke: „Tides
and waves“ enthalten, worauf wir später vielleicht wieder zurückkommen
werden; wir haben die vorstehende Arbeit gegeben, weil sie an einem recht
verwickelten Beispiele zeigt, in wie hohem Grade es Airy gelungen ist, die
Gezeitenerscheinungen der mathematischen Analyse zu unterwerfen, und weil sie
geeignet schien, das Interesse für Airy’s leider zu wenig bekanntes Werk zu
erwecken.