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Hierzu kommt noch der andere Umstand, dafs bei und auf /sland sehr
strenge und lang anhaltende Winter eintreten können, wenn das Grönlands-Kis
an der Nordwest- und Nordküste von /sland festliegt und sich noch ein gutes
Stück weiter bis an die Ostküste fortschiebt. In solchen Fällen wird der
warme Strom so vollständig von dem Eis und. dem ihm folgenden kaltev
Schmolzwasser bedeckt, . dafs er nicht mehr im: Stande ist, irgend einen
mildernden Einflufs auf das Klima auszuüben; die grönländische Kälte verbreitet
sich infolge davon nicht nur über die Nordküste von./sland, sondern zum Theil
über die ganze Insel.
Als Beispiel hierfür wollen wir den Winter von 1873/74 anführen, welcher
in Nordeuropa. aufsergewöhnlich mild, aber auf Island sehr streng war. Schon
im Dezember drang das Eis bis nach Grimsey vor und zu Anfang. Januar
lagerte es an der ganzen Nordlands-Küste, wo es über 4 Monate bis in den
Mai hinein liegen blieb, Dies hatte zur Folge, dafs die Mittelwärme des Januar
auf Grimsey im Jahre 1874 — 11,5°, also 9,5° unter der normalen, betrug;
diese starke Abkühlung erstreckte sich über ganz I/sland; so war die mittlerc
Januar-Wärme zu Stykkisholm an der Westküste — 8,5°, oder 6° unter der
normalen (es war dies der kälteste Januar seit den letzten 32 Jahren), und im
Berufjord an: der Ostküste — 7°, oder ebenfalls 6° unter der normalen.
Bis weit in das Frühjahr hinein können durch die Nähe des Eises solche
starke Temperaturerniedrigungen eintreten. Im April 1876 war die mittlere Wärme
auf Grimsey — 7°, in Stykkisholm — 4° und im Berufjord — 3°, während die
normalen Temperaturen bezw. — 1,5°, +1° und +4-1,5° betragen, also civ
Wärmemangel von ca 5°. Obgleich nun diese Fälle selten eintreten — so: war
z.B. in den letzten 30 Jahren nur einmal früher, nämlich 1859, der April so
kalt, wie der von 1876 —, so wird man doch leicht begreifen, welch schäd-
lichen Einflufßs sie auf den Pflanzenwuchs ausüben können,
Das Resultat dieser hier mitgetheilten Untersuchungen ist nun, daß,
während wir schon aus den früheren Arbeiten von Irminger wissen, dafs im
Sommer längs der Westküste von /sland ein warmer Oberflächenstrom läuft,
wir jetzt aus den Temperaturmessungen der „Fylla“ orsehen, dafs dieser Strom
sich‘ nicht nur auf die Oberfläche beschränkt, sondern sich bis zu beträchtlichen
Tiefen hinab erstreckt, und ferner, dafs dieser Strom beim Kap Nord noch
eine solche Mächtigkeit besitzt, dafs man nothwendigerweise seine weitere Fort-
setzung längs der Nordküste annehmen mufs. Die metecorologischen Stations-
Beobachtungen auf Grimsey haben diese Annahme nicht nur endgültig be-
stätigt, sondern auch erwiesen — was man vorher nicht wußte —, dafs der warme
Strom noch mitten im Winter Zsland auf dieselbe Weise umkreist und deshalb
in hohem Grade zur Milderung seines Klimas beiträgt. ;
Unsere Kenntnifs der Temperatur- und Strömungs-Verhältnisse im Nord-
atlantischen Ocean ist hierdurch nicht unwesentlich gefördert worden, und, da
wir diese einzig und allein den Beobachtungen dänischer Männer verdanken,
nämlich zunächst dem Admiral Irminger, der während einer längeren Reihe von
Jahren nach und nach unsere Kenntnifs in dieser Beziehung erweitert hat, sodann
der dänischen Kriegsmarine, welche die Mittel zur Unfersuchung der Dänemark-
Strafse im Sommer 1877 mit so grofser Bereitwilligkeit und Energie gewährt
hat, endlich dem isländischen Geistlichen auf Grimsey, der eben auf der kleinen
einsamen Insel im Eismeer, abgeschnitten von der ganzen übrigen Welt, in der
Dunkelheit und Finsternifs des Winters oder uhlıter dem Toben der Schneestürme
getreulich seine Beobachtungen ausgeführt hat, — so sind wir wohl berechtigt,
an diesen Fortschritt der Wissenschaft den dänischen Namen zu knüpfen. Iclı
gestatte mir daher den Vorschlag zu machen, dafs der warme Strom, welcher
Islands West- und Nordküste umspült und sicherlich als eine wesentliche Be-
dingung dafür angesehen werden kann, dafs der Boden dieser Insel, im Ganzen
genommen, kultivirbar ist, fortan „Irminger-Strom“ genannt werde, zur
Anerkennung der grofsen Verdienste des dänischen Admirals für die Hydro-
graphie des Nordatlantischen Oceans.