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in der Regel zu dieser Jahreszeit’ nördlich von /sland eisfrei ist, so dafs die
Fischerei in der Skagestrands-Bucht ungestört betrieben werden kann. Bis
zu welcher Entfernung vom Lande sich dies offene Wasser erstreckt, kann
für jetzt noch nicht angegeben werden, denn wegen der kurzen Tago
im Winter und der häufigen und gewaltigen Schneestürme wagen sich
die Fischer nicht weit von der Küste hinweg; die oben erwähnten Beob-
achtungen zu Grimsey geben dagegen in dieser Hinsicht höchst interessante
Aufschlüsse. Auf dieser Station war in den vier letzten Jahren die mittlere
Wassertemperatur im Monat Januar 4'/2° und im Februar 3%° gewesen, eine
Temperatur, welche ebenso hoch ist, wie die, welche man im Winter an der
Oberfläche des Wassers weithin südöstlich von /sland bis zu den Faröern an-
trifft, und die unter demselben Breitengrade und zu derselben Jahreszeit an
der norwegischen Küste kaum höher anzutreffen ist. Es kann deshalb kein
Zweifel sein, dafs man genöthigt ist, die Ansichten hinsichtlich der Wärme-
verhältnisse in der Umgebung von /sland vollständig zu ändern. An Stelle
der seitherigen Annahme, dafs die Insel Z/sland im Winter an ihrer nordwest-
lichen und nördlichen Küste von dem aus dem Eismeer kommenden Polarstrom
bespült wird, ist es nun klar und deutlich, dafs der mächtige warme nach
Norden gerichtete Zug des atlantischen Wassers auch zu dieser Jahreszeit oinen
Zweig nach Westen und Norden von /sland absendet,
Nur auf diese Weise können wir uns den für diese Breiten verhältnifs-
mäfßsig warmen Winter, welcher an den Küsten /slands und vorzugsweise an
der Nordküste dieser Insel herrscht, erklären. Obgleich Grimsey unter dem
Polarkreise liegt, hat die Luft im Monat Januar doch eine mittlere Temperatur
von ——2°, ist also ebenso mild, wie an Norwegens Westküste unter derselben
Breite (Bodö, %/4° nördlicher gelegen, hat eine mittlere Januar-Temperatur von
—21%4°, Brönö, 1° südlicher, eine solche von — 2°) und wärmer, als an Orten
im Innern Süd-Schwedens, welche 10° südlicher liegen. Eine so eigenthümliche
Erscheinung, welche noch schärfer hervortritt, wenn wir bedenken, dafs alle
Winde aus den Richtungen von West durch Nord bis NE im Winter die über
dem ostgrönländischen Eisstrom stark abgekühlte Luft bis nach Grimsey führen,
kann nur daraus erklärt werden, dafs das diese Insel umgebende Wasser
eine sehr kräftige Wärmequelle ist; man kann daher mit Sicherheit be-
haupten, dafs die Untersuchungen der Wärmeverhältnisse in den Meerestiefen
nördlich von Zsland eine noch höhere Wärme ans Tageslicht fördern werden,
als wir für jetzt an der Oberfläche kemnen.
Fragt man nun, woher es kommt, dafs die nördlichen Gebiete von Zsland
ungeachtet ihres verhältnifsmäfsig warmen Winterklimas von der Natur hin-
sichtlich des Pflanzenwuchses!) doch so stiefmütterlich behandelt sind, so kann
die Ursache hiervon namentlich in zwei Umständen gefunden werden. Zunächst
ist der Frühling verhältnifsmäfsig sehr kalt?); eo ist März der kälteste Monat
mit einer mittleren Wärme von — 3,5° und der April ist nur um 0,7° wärmer,
als dor Januar; zu Anfang Mai steigt die mittlere Temperatur über 0°, aber
die Wärmezunahme ist sehr langsam, so dafs die Temperatur in dem wärmsten
Monat August im Mittel nicht höher ist, als 7,1°, entsprechend der Temperatur
am Schlufs des Monats April in Kopenhagen. Freilich sind die Wärmeverhält-
nisse. weiter nach dem Innern von Nordisland zu etwas günstiger, wo die
Mittelwärme des August um einige Grade höher ist, aber auch nicht höher, als
die Mai-Temperatur in Kopenhagen, Der sehr kalte Frühling und der voll-
ständige Mangel an wirklicher Sommerwärme sind also die Ursachen, welche
in dem nördlichen Zsland den Pflanzenwuchs hindern.
:) „Ueber den Feld- und Gartenbau in den nördlichen Gegenden“ von Ad, Erslev (Geogr.
Yidskr. 1877).
%) Aus den 4',2jährigen Beobachtungen auf Grimsey und mit Anwendung der aus den
32 jährigen Beobachtungen zu ‚S’ykkisholm gewonnenen Korrektionen ist die normale Wärme in °C
für Grünsey, wie folgt, bestimmt:
Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. Jahresmittel
—21 —29 —35 —14 19 50 71 7,1 50 27 —0,1 —05 1,5
Da die 4'/ Beobachtungsjahre mit dem aufsergewöhnlich strengen Winter 1873/74 schliefsen,
welcher sich an der Nordküste von /slanıd besonders fühlbar machte, so würde man wahrscheinlich
höhere Temperaturen für die Wintermonate erhalten. wenn- man eine längere Reihe von Jahren in
Rechnung ziehen könnte.