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Wenden wir nun diese Regel auf die durch die Messungen der „Fylla“
in der Dänemark-Strafse nachgewiesenen Erscheinungen an, so sind wir zu dem
Schlusse berechtigt, dafs der warme Strom, welcher der Richtung der West-
und NW-Küste von Island folgt, bis die letztere plötzlich nach Osten umbiegt,
ebenfalls seine Richtung verändert und längs der Nordküste nach Ost und
Nordost setzt, bis er sich mit der allgemeinen Bewegung warmen Wassers im
Kismeere vereinigt, welche längs der Westküste von Norwegen nach Norden setzt.
In soweit stimmt diese Erscheinung auch damit überein, dafs, soviel wir bisher
wissen, der nördlich von /sland laufende Strom ostwärts gerichtet ist: dagegen
steht sie in direktem Widerspruch mit den bisher herrschenden Ansichten, dafs
nämlich dieser östlich setzende Strom eine Abzweigung des grönländischen
Polarstromes sein soll, welcher bei der vorspringenden nordwestlichen Halbinsel
Islands von dem Hauptstrom sich-trennt, und dann als eine Art Reaktionsstrom
längs der Nordküste von /sland weiter läuft.
Verschiedene Umstände haben dazu beigetragen, diese — wie wir
hoffen nachweisen zu können — unrichtige Ansicht festzuhalten. So ist es
eine wohlbekannte Thatsache, dafs das Grönlandseis zuweilen hier längere
Zeit die ganze Nordküste von /sland belästigt, ja, dafs es sich sogar den
ganzen Sommer hindurch dort hält, und mit dem starken Treibeis verbindet
man unwillkürlich den Begriff Polarstrom, aber die Untersuchungen der „Kylla“
in der Dänemark-Stralse haben gezeigt (s. Fig. 3, Vertik. No. 12), dalßls das
Oberflächenwasser bis zu einer Tiefe von 56m (30 Fad.) von dem Treibeis so
stark abgekühlt werden kann, dafs die Temperatur bis zu —1,5° sinkt, ohne
dafs hierdurch ein warmer Strom von über 6° C. im mindesten verhindert
wird, unter dieser eiskalten Decke ruhig seinen Weg fortzusetzen. Der Grund
für diese Erscheinung ist darin zu suchen, daß das Wasser sich durch Mit-
theilung nur sehr langsam abkühlt, dafs es, wie man zu sagen pflegt, ein
schlechter Wärmeleiter ist. Nur wenn die oberen Schichten in Folge ihrer
niedrigen Temperatur so schwer werden, dafs sie durch die unter ihnen liegenden
wärmeren Schichten niedersinken, wird die Kälte sich nach und nach diesen
letzteren mittheilen; aber die Untersuchungen der „/ylla“ haben gezeigt, dafs
das Oberflächenwasser des Polarstromes in Folge seines Ursprunges aus ge-
geschmolzenem Eise einen so geringen Salzgehalt hat, dafs es trotz seiner
niedrigen Temperatur über das wärmere Wasser hinwegfliefsen kann, welches
den Salzgehalt des atlantischen Wassers hat.
Eine Eisdecke ist also an und für sich kein Kennzeichen für den Polar-
strom; in dem mittleren und nördlichen Schnitte der Ddänemark-Strafse (Fig. 3
u. 4) sehen wir, dafs das Grönlandseis, selbst unter normalen Verhältnissen,
sich weithin über den warmen Strom hinwegzieht, vermuthlich, weil die Strafse
ziemlich eng ist. !)
Nehmen wir nun an, dafs die aus dem Meere zwischen Jan Mayen und
Grönland kommenden Eismassen, aus einem oder dem anderen Grunde, sich
stark vermehren, so wird die erste Folge davon sein, dafs der schmale Theil
der Strafse von diesen verstopft wird, und dafs, wenn das Eis weiter vorwärts
drängt, ein Theil davon bis nach der Nordküste von /sland geschoben wird;
der warme Strom, welcher andauernd rund um das Nordkap unter dem HEise
Fortläuft, wird selbst mit dazu beitragen, das Eis weiter nach der Nordküste
hinzuführen. Sobald aber die Zufuhr von Eis wieder aufhört, wird der schmale
Theil der Strafse nach und nach wieder eisfreier, und wenn die Abnahme des
Eises hinreichend grofs ist, so wird der warme Strom im Stande sein, das bei
der Nordküste angehäufte Eis zu bewältigen und es weiter nach Osten hinzu-
führon. Es sind also nur aufsergewöhnliche HEisverhältnisse, vielleicht auch
aufsergewöhnliche Winterverhältnisse, welche das Eis von Grönland bis zu der
Nordküste von Island bringen: sobald die wirkenden Ursachen aufhören, wird
1) Der der nordwestlichen Halbinsel von Zsland gerade gegenüberliegende Theil der Küste
Grönlands ist gänzlich unbekannt. Nach dem von der Besatzung der „//ansa“ im Winter 1869/70
auf einer Eisscholle zurückgelegten Wege ist indessen die gröfste Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden,
dafs diese Küste ein nach aufsen gebagenes Knie bildet, welches in nicht geringem Grade die Breite der
Strafse beeinträchtigt, (Vergl. Die zweite deutsche Nordpolarfahrt in den Jahren 1869 und 1870
unter Führung des Kapitän Karl Koldewev. Leipzig, Brockhaus, 1874.)